Studien zur juedischen Tradition
Tu Bishvat - Neujahr der Baeume
Kontext
- Name des Festes:
- Tu B' Shvat; Aussprache "Tu Bisch-wat"
- Urspruenge:
- Neujahr der Baeume (Tag des Baumes)
- Datum:
- 15. Tag des Monats Shvat
"Und es gibt vier Daten fuer das neue Jahr: - Der erste Nissan - das neue Jahr fuer Feste und Feiertage und der Beginn der Regierungszeit eines neuen Herrschers - der erste Elul - das neue Jahre fuer das Absondern des Zehnten von Tieren. Rabbi Elazar und Rabbi Shimon sagen: der erste Tischri. - Der erste Tischri - das neue Jahr fuer die Kalenderberechnung, die Schabbat- und Joweljahre, fuer das Pflanzen und Saeen - der erste Shvat - Neujahr der Baeume gemaess der Schule Schammais; die Schule Hillels sagt: der fuenfzehnte Shvat."
Mishna "Rosh Hashana", Ch.1, Mishna 1
Klarstellungen:
- Neues Jahr:
- Spezielle Daten waehrend des Jahres, die dazu dienen, Kalenderberechnungen zu initiieren.
- Koenige:
- Wenn ein juedischer Koenig in der Mitte eines Jahres des Thron bestieg, dann wurde sein zweites Regierungsjahr ab dem ersten Tag des folgenden Monats Nissan gerechnet.
- Feste und Feiertage:
- Pessach - das Fest, das im Nissan gefeiert wird, ist das erste der "schloscha regalim", der Wallfahrtsfeste Pessach, Schawuot und Sukkot.
- Abgabe des Zehnten von Tieren:
- Bei der Kalkulation des Zehnten von Tieren sollten Tiere, die nach dem ersten Elul geboren wurden, nicht mit denen vermischt werden, deren Geburtstag vorher lag. Diese wurden als zweijaehrig betrachtet. Die Tora gebietet uns, von den Fruechten eines jeden Jahres den Zehnten abzusondern.
- Kalender:
- Wie fuer die Koenige oben, bezieht sich jedoch auf die nichtjuedischen Koenige.
- Schabbat- und Joweljahr:
- Gemaess der Tora treten Gesetze, die das Schabbat- und Joweljahr betreffen am ersten Tischri in Kraft.
- Pflanzen:
- Danach werden die Jahre gerechnt, in denen es verboten ist, die Fruechte junger Baeume zu geniessen. ("Orla" - Verbot des Erntens von Fruechten eines Baumes der juenger ist als drei Jahre.)
- Saeen:
- Gemuese, die nach dem ersten Tischri geerntet wurden, durften nicht mit frueher geernteten vermischt werden. Diese wurden als Produkt des vorhergehenden Jahres betrachtet. Die Tora gebietet uns, die Ernte der einzelnen Jahre zu trennen, wie es auch bei der Absonderung des Zehnten von Tieren geschieht.
- Baeume:
- Die Abgabe des Zehnten von Baeumen, deren Fruechte nach diesem Datum reifen, wird von jenen, deren Fruechte frueher reif werden, getrennt berechnet.
"Gemaess der Schule Schammais beginnt das neue Jahr der Baeume am ersten Shvat. Die Schule Hillels dagegen sagt: am fuenfzehnten Shvat."
Das Fest des fuenfzehnten Shvat wird in der Bibel nicht erwaehnt. Die Mischna diskutiert folgendes Thema: wann soll das Neujahr der Baeume begangen werden? Von daher verstehen wir, dass es nicht darum ging, das Fest einzusetzen, sondern den korrekten landwirtschaftlichen Kalender fuer Baeume und ihre Fruechte abzuleiten. Zwischen den Schulen Schammais und Hillels (die beiden wichtigsten Schulen der Mischnazeit) gab es Meinungsverschiedenheiten ueber das richtige Datum fuer das Neujahr der Baeume. Die Schule Schammais hielt den ersten Shvat fuer passend, die Anhaenger Hillels berechneten den fuenfzehnten Shvat. Die Tradition folgt der Schule Hillels.
Die Meinungsverschiedenheit gruendete offensichtlich nicht auf der Unfaehigkeit, ueber das Fest zu entscheiden oder ein Datum zu waehlen, an dem Baeume gepflanzt werden sollten. Das Neujahr der Baeume war notwendig, um die Vorschrift der Abgabe des Zehnten der Baumfruechte auszufuehren. Die Tora gebietet jedem Juden, jaehrlich den Zehnten von den Fruechten der Baeume abzusondern und ihn den Priestern und Leviten zu geben, die den Tempeldienst versehen. Der Zehnte war jedoch auch den Armen gewidmet. Es ist verboten, den Zehnten eines Jahres mit den Produkten eines anderen Jahres zu berechnen. Daher war man gezwungen, das Datum fuer das Neujahr der Baeume festzusetzen.
Unsere Weisen, die in landwirtschaftlichen Fragen gut Bescheid wussten, kamen zu dem Schluss, dass der fuenfzehnte Tag des Monats Shvat das aeusserste Datum ist, an dem die Baeume nicht mehr vom Regen des vorangegangen Jahres profitieren, sondern vom neuen Regen. Daher entstand die Legende, der himmlische Gerichtshof entscheide an diesem Tag ueber die Baeume und spreche sein Urteil ueber sie, genau so wie er zu Rosh Hashana (am ersten Tischri) ueber das Schicksal des Menschen entscheidet.
Die Essenz des Festes
Tu Bishvat ist das Fest, das die Verbindung des juedischen Volkes mit Eretz Israel sichtbar macht. Zum Neujahr der Baeume erfaehrt jeder seine Liebe zu diesem Land und zu den Geboten, die sich auf Israel beziehen. Es ist ein Fest der Landwirtschaft und der Erneuerung der Natur: ein Fest der Liebe zu den Baeumen, die bis zu den Anfaengen unseres Volkes in seinem Land zurueckreicht.
Dieses Fest wurde im Land Israel geboren, wo seine hauptsaechlichen Braeuche und Traditionen entwickelt wurden. Nach der Eroberung des Landes und dem Beginn des Exils, nahmen die Juden ihre Traditionen mit sich. Dazu gehoert auch das Neujahrsfest der Baeume. Mit ihm trugen sie auf ihren Wanderungen symbolisch die Erinnerung an Eretz Israel, an seine Baeume und Fruechte im Herzen.
Zum Neujahr der Baeume deckten die Juden ihre festlichen Tische mit den Fruechten, fuer die das Land Israel beruehmt ist: Rosinen (Weintrauben), Nuesse, Feigen, Datteln, Oliven, Granataepfel und Getreide sind die "sieben Arten" des Landes. Mit diesen Fruechten, die die dunklen Ecken des Exils erhellten, kam das Licht des Himmels ueber Israel in jedes Heim.
Die Suesse der Fruechte erleichterte das bittere Leben im Exil und erinnerte ueberall die Juden, dass Eretz Israel auf seine Kinder wartete.
In unseren Tagen der Erneuerung, in denen das juedische Volk in sein Land zurueckgekehrt ist, hat auch dieses Fest einen neuen Ausdruck gefunden. Es ist nicht laenger das Datum, an dem Fruechte aus Israel gekostet werden, sondern verwandelte sich in einen Tag, an dem Baeume gepflanzt werden, wie es in der Tora heisst: "Wenn ihr in das Land kommt und allerlei Obstbaeume pflanzt..."(Wajikra
19.23).
Gebraeuche des Festes
- Fruechte essen:
Die wichtigste Tradition dieses Festes ist, jene Fruechte zu essen, fuer die das biblische Israel beruehmt war:
"Den der Ewige, dein G"tt, brint dich in ein schoenes Land, in ein Land mit Wasserbaechen, Quellen und Stroemen, die in der Ebene und im Gebirge entspringen, in ein Land mit Weizen und Gerste, Weinstoecken, Feigen- und Grantbaeumen, in ein Land mit Oelbaeumen und Honig.".
Dvarim 8; 7-8.
Die ersten Fruechte dieser Arten wurden einst als Opfer den Priestern im Tempel dargebracht. Dies sind die "sieben Arten", die Symbole des Landes Israel wurden:
Weizen, Gerste, Weintrauben, Feigen, Granataepfel, Oliven und Datteln.
Deshalb bemueht man sich, Fruechte dieser "sieben Arten" zu servieren. Aber auch andere Fruechte, die mit Israel und seinen Produkten zu tun haben, werden gegessen: Mandeln, Zitrusfruechte, Aepfel - frisch oder getrocknet.
- Zeremonien
Die Stadt Sfat im Oberen Galilaea spielte eine besondere Rolle in der Entwicklung von Tu Bishvat Traditionen. Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien, 1492, wurde Sfat im 16. Jahrhundert ein kabbalistisches Zentrum. Die Kabbalisten von Sfat, der beruehmteste von ihnen ist Rabbi Jitzchak Luria Aschkenasi, interpretierten die Tora und ihre Vorschriften durch geheime Methoden des Studiums. Sie statteten das Fest mit neuen Bedeutungen aus und fuehrten neue Rituale fuer die naechtlichen Zeremonien ueber die "Baumfreude" ein, die in gewisser Weise den Ritualen der Sedernacht aehnlich sind. Die Familienmitglieder versammeln sich um den weissgedeckten Tisch, auf dem Blumen, Fruechte, Weiss- und Rotwein arrangiert werden. Zur Tu Bishvat Zeremonie gehoeren Lesungen aus der Tora, dem Talmud und dem Zohar, dem Hauptwerk der Kabbalah. Die Stellen beziehen sich auf Fruechte. Ueber bluehende und fruchttragende Baeume werden besondere Segen gesprochen.
Danach werden vier Glaeser Wein getrunken:
- Zuerst ein Glas Weisswein, um die schlummernde Natur zu symbolisieren.
- Fuer das zweite Glas wird Weisswein mit ein wenig Rotwein gemischt: die Natur erwacht langsam.
- Im dritten Glas mischt man Rotwein mit ein wenig Weisswein: Regen und Sonnen streiten, die Hitze siegt ueber die Kaelte. Rot steht auch fuer die Farbenfuelle auf den bluehenden Feldern.
- Das vierte Glas enthaelt nur Rotwein - der Glanz der Sonne und des Sommers.
Nachdem diese vier Glaeser getrunken wurden, isst man die Fruechte.
- Baeume pflanzen:
Aus den Quellen:
"Wenn ihr in das Land kommt und allerlei Obstbaeume pflanzt..."
Wajikra 19.23
"Der Ewige, gepriesen sei Er, beschaeftigte sich gleich nach der Erschaffung der Welt mit dem Pflanzen. Denn es heisst: "Und G"tt pflanzte einen Garten in Eden." Wenn du das Land Israel betrittst, sollst auch du dich zu allererst mit Pflanzen beschaeftigen."
Wajikra Rabba 25
Das Pflanzen von Baeumen ist ein Arbeit, deren symbolische Bedeutung ueber ihre buchstaebliche Interpretation hinausgeht.
Fuer den Lehrer
- Dem oben zitierten Midrasch liegt folgendes Konzept zugrunde: "Dem Herrn, deinem G"tt sollst du nachfolgen.". Welche Schlussfolgerungen zieht der Midrasch aus diesen Worten?
- "Dem Herrn, deinem G"tt folgen " bedeutet: auf seinen Wegen gehen, G"ttes Taten nachmachen. Welche besonderen Taten G"ttes soll der Mensch heute nachahmen?
- Woher wissen wir, dass das Pflanzen von Baeumen eine besonders wichtige Aufgabe darstellt?
- Koennte man sagen, dass der Mensch G"tt bei der Schoepfung hilft?
- Warum glaubst du, ist das Pflanzen von Baeumen so wichtig?
"Wenn ihr in das Land kommt und allerlei Obstbaeume pflanzt..."
[Wayikra 19,23]
"Der Ewige, gepriesen sei er, sagte zu den Juden: auch wenn du siehst, dass es mit allen guten Dingen gefuellt ist, sollst du nicht sagen: ich lasse mich hier nieder, aber pflanzen werde ich nicht - du sollst es nicht ablehnen, zu pflanzen. ... Wenn du das Land betrittst, wirst du Baeume finden, die von anderen Menschen gepflanzt wurden. So sollst auch du Baueme fuer deine Nachkommen pflanzen. Und niemand soll sagen: ich bin schon alt, wer weiss, wie lange ich noch lebe? Warum soll ich mich um andere kuemmern, wenn ich morgen sterben koennte? Der Mensch soll seiner Pflicht nicht ausweichen, auch wenn er im Alter Baeume pflanzt und zu bereits Gepflanztem hinzufuegt."
Midrasch Tanchuma, Kedoschim
Fuer den Lehrer
- In welchem Zustand fand das Volk Israel das Land vor, als sie es betraten?
- Wovor warnt uns der Midrasch?
- Was empfiehlt der Midrasch und warum?
- Welche Verantwortung wird dem einzelnen Menschen von diesem Midrasch auferlegt?
- Warum muss sich der Mensch um zukuenftige Generationen kuemmern?
Der folgende Midrasch handelt von der sozialen Verantwortung des Einzelnen:
"
Einmal ging Honi HaMa'agal auf der Strasse und sah einen Mann, der einen Johannisbrotbaum pflanzte. Er fragte ihn: "Wie viele Jahre dauert es, bis der Baum Fruechte traegt?"
"Siebzig Jahre", lautete die Antwort.
So fragte er: "Bist du sicher, dass du in siebzig Jahren am Leben sein wirst, um die Fruechte dieses Baumes zu geniessen?"
Er antwortete: "Als ich auf diese Welt kam, fand ich einen Johannisbrotbaum, der von meinen Vorvaetern fuer mich gepflanzt wurde. Und so pflanze ich diesen fuer meine Kinder."
Honi setzte sich nieder und ass. Dann wurde er muede und schlief ein. Ein grosser Felsen bedeckte ihn und verrbarg ihn vor den Augen der anderen. Er schlief siebzig Jahre lang. Als er erwachte, sah er einen Mann, der eine Frucht von diesem Baum pflueckte.
Er fragte ihn: "Wer pflanzte diesen Baum?"
"Mein Vater," kam die Antwort.
Dann sagte er zu sich selbst: "Ich muss siebzig Jahre lang geschlafen haben." Er sah, dass seine Eselin viele Junge in die Welt gesetzt hatte. Und er ging nach Hause.
Dort fragte er: "Wo ist der Sohn von Honi Hama'agal?"
Die Antwort kam: "Sein Sohn lebt nicht mehr, aber sein Enkel.".
Er sagte: "Ich bin Honi HaMa'agal", aber niemand glaubte ihm.
Er ging in die Talmudakademie und hoerte die Weisen sagen: "Dies ist uns heute so klar wie es in den Tagen Honi HaMa'agals war, der, wenn er in die Akademie kam, den Weisen alle Schwierigkeiten erhellte."
Er sagte zu ihnen: "Ich bin Honi HaMa'agal", aber niemand glaubte ihm und niemand zollte ihm die Anerkennung, die er verdiente. Er wurde mutlos, betete aus ganzem Herzen um Gnade und starb.
Rabba sagte darueber: es steht geschrieben:"Entweder gibt es Kommunikation oder den Tod.".
Traktat Ta'anit, 23
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