"Jitzchak
Rabin war mein Partner und mein Freund. Ich bewunderte ihn und ich liebte ihn
sehr. Da Worte meine wahren Gefuehle nicht ausdruecken koennen, will ich nur
sagen: Schalom, Chaver."
(Bill Clinton)
gekannt
zu haben, mit ihm gearbeitet zu haben, als ein Bruder und als ein Freund, als
ein Mensch - und die Beziehung in unserer Freundschaft, die wir hatten, ist
etwas Besonderes und ich bin stolz darauf."
(Koenig Hussein von Jordanien)
Am
Abend des 4. November 1995 fand in Tel Aviv unter dem Motto "Ja zum Frieden,
Nein zur Gewalt" eine grosse Kundgebung statt.
Damals
sagte Ministerpraesident Jitzchak Rabin:
"Erlaubt
mir zu sagen, dass ich tief bewegt bin. Ich moechte gerne jedem einzelnen von
Euch danken, der heute hierher gekommen ist, um fuer Frieden zu demonstrieren
und gegen Gewalt. Diese Regierung, der ich gemeinsam mit meinem Freund Shimon
Peres das Privileg habe, vorzustehen, hat sich entschieden, dem Frieden eine
Chance zu geben - einem Frieden, der die meisten Probleme Israels loesen wird.
... Ich habe immer daran geglaubt, dass die Mehrheit der Menschen Frieden haben
moechte und auch bereit ist, fuer den Frieden Risiken einzugehen. Euer Kommen
heute zeigt, dass Ihr, gemeinsam mit vielen anderen, die nicht gekommen sind,
wirklich Frieden wollt und Gewalt ablehnt. Gewalt hoehlt die Basis der israelischen
Demokratie aus. ... Das ist nicht der Weg des Staates Israel. In einer Demokratie
kann es Differenzen geben, aber die letzte Entscheidung wird in demokratischen
Wahlen getroffen, wie in den Wahlen von 1992, die uns das Mandat gaben, zu tun,
was wir nun tun, und diesen Weg weiterzugehen. ... Es gibt Feinde des Friedens,
die versuchen, uns zu verletzen, um den Friedensprozess zu torpedieren. Ich
moechte es offen sagen, dass wir auch unter den Palaestinensern einen Friedenspartner
gefunden haben: die PLO ... Ohne Partner fuer den Frieden, kann es keinen Frieden
geben. ... Fuer Israel gibt es keinen Weg ohne Schmerz. Aber der Weg des Friedens
ist dem Weg des Krieges vorzuziehen. Ich sage Euch dies als jemand, der 27 Jahre
lang ein Mann des Militaers war, als jemand, der heute als Verteidigungsminster
das Leid der Soldatenfamilien sieht. ... Diese Kundgebung muss eine Botschaft
an das israelische Volk senden, an die Juden in aller Welt, an die Menschen
in den arabischen Laendern, an die ganzen Welt: dass das israelische Volk den
Frieden will und den Frieden unterstuetzt. Dafuer danke ich Euch."
Neunzig
Minuten, nachdem Rabin seine Ansprache beendet hatte, wurde er von einem juedischen
religioesen Extremisten ermordet.
Jitzchak
Rabin wurde 1922 in Jerusalem geboren. Sein Vater Nehemia war aus den Vereinigten
Staaten eingewandert, die Mutter, Rosa, war eines der ersten Haganahmitglieder.
Rabin
besuchte in Tel Aviv die Grundschule und danach das Kadourie College fuer Landwirtschaft
in Galilaea, das er mit Auszeichnung abschloss. "Ich wollte Wasserbauingenieur
werden", sagte Rabin spaeter, "weil ich dachte, das sei ein wichtiger Beruf
im ausgetrockneten Nahen Osten. ... Aber ich war gezwungen, mich den Waffen
zu widmen."
Rabin
trat als Freiwilliger in die Palmach ein und begann dort seine militaerische
Laufbahn, die er ab spaeter in der IDF fortsetzte.
Schon
in den sieben Palmachjahren zeichnete sich Rabin als militaerischer Fuehrer
aus. Im Unabhaengigkeitskrieg wurde der junge Kommandant nach Jerusalem geschickt.
Nach sechsmonatiger Belagerung fiel die Altstadt in die Haende der jordanischen
Truppen, obwohl Rabin und seine Soldaten den Kampf in Westjerusalem fortsetzten.
Nach dem Waffenstillstand schloss sich Rabin den Einheiten im Sueden an. Er
gehoert zu den Eroberern von Eilat und der Negev. Bereits 1949 machte Rabin
seine ersten Erfahrungen in Friedensgespraechen. Er nahm an den Waffenstillstandsverhandlungen
auf Rhodos teil. Nach der Aufloesung der Palmach trat Rabin in die Israelischen
Verteidigungsstreitkraefte ein. 1952 ging Rabin nach Grossbritannien und studierte
an der Militaerakademie in Camberley. Im Alter von 32 Jahren stieg er in den
Rang eines Generalmajors auf und begruendete die Ausbildungsdoktrine der IDF,
die unter dem Kommando "Folgt mir" bekannt wurde.
1956
wurde Rabin Kommandant der Einheiten im Norden. Er war fuer die Bewohner an
den Waffenstillstandslinien verantwortlich, die immer wieder durch syrische
Ueberfaelle bedroht wurden.
1959
bis 1963 diente Rabin als Stellvertretender Generalstabsschef.
1964
wurde Jitzchak Rabin zum Generalstabschef ernannt. Er entwickelte die Kampfdoktrine
der IDF, die auf Bewegung und Ueberraschung beruht und die waehrend des Sechs
Tage Krieges angewandt wurde, als die israelische Ueberlegenheit in der Luft
und das massive Waffendeployment zum beruehmten israelischen Sieg fuehrten.
Am 7. Juni 1967 betraten Jitzchak Rabin, Verteidigungsminister Moshe Dayan und
General Uzi Narkis die befreite Altstadt von Jerusalem. Im Juni 1967 erhielt
Jitzchak Rabin ein Ehrendoktorat von der Hebraeischen Universitaet in Jerusalem,
das er als Repraesentant der gesamten IDF annahm. In der Feierstunde am Skopusberg
sagte er: "Heute anerkennt die Universitaet die Moral und die spirituelle
Kraft der Armee, die sich im aktiven Kampf gezeigt haben. Denn wir alle stehen
heute hier nur durch den Mut, der die Welt in Erstaunen versetzt hat. ... Die
Begeisterung und der Stolz des Siegen haben die gesamte Nation ergriffen. Aber
bei den Soldaten selbst kann ein interessantes Phaenomen beobachtet werden.
Sie koennen sich nicht aus ganzem Herzen freuen. Ihr Triumpf wird durch Trauer
und Betroffenheit gemindert, und einige koennen sich ueberhaupt nicht freuen.
Die Maenner an vorderster Front sahen mit ihren eigenen Augen nicht nur den
Sieg, sondern auch den Preis, der fuer ihn bezahlt werden musste: ihre neben
ihnen fallenden Kameraden. Und ich weiss, dass der schreckliche Preis, den auch
unsere Feinde zahlen mussten, vieler unserer Maenner tief bewegt hat. ... Unsere
Soldaten gewannen nicht nur durch die Kraft ihrer Waffen die Oberhand, sondern
durch den Zweck ihrer Mission, durch das Bewusstsein der Gerechtigkeit ihres
Anliegens, durch ihre tiefe Liebe fuer ihr Land und durch ihr Verstaendnis fuer
die schwere Aufgabe, die ihnen auferlegt wurde: die Existenz unseres Volkes
in seinem Heimatland zu sichern und - auch fuer den Preis des eigenen Lebens
- das Recht des juedischen Volkes auf das Leben im eigenen Staat, in Freiheit,
Unabhaengigkeit und Frieden zu bestaetigen."
Im
Jaenner 1968 schied Rabin aus dem Dienst in den IDF aus, trat kurz danach in
das diplomatische Korps ein und wurde Botschafter in den Vereinigten Staaten,
eine Position, die er bis 1973 innehatte.
Rabin
wurde aktives Mitglied der Arbeiterpartei und nach den Wahlen vom Dezember 1973
Mitglied der Knesset. Ministerpraesidentin Golda Meir ernannte ihn im Maerz
1974 zum Minister fuer Arbeit. Diese Regierung trat kurz darauf zurueck, und
am 2. Juni 1974 wurde Jitzchak Rabin Ministerpraesident.
Nicht
ohne Schwierigkeiten fuehrte er seine Regierung. Er hatte die IDF zu rehabilitieren,
soziale Probleme zu loesen, die Wirtschaftslage zu verbessern, aber auch das
Vertrauen der Bevoelkerung in die zivile und militaerische Fuehrung nach dem
Jom Kippur Krieg wiederherzustellen. Rabin gelang es, mit Aegypten und Syrien
Abkommen zu erreichen (das Abkommen mit Aegypten fuehrte zum israelischen Rueckzug
aus der Halbinsel Sinai). Mit den Vereinigten Staaten unterzeichnete Rabin ein
Memorandum, das die Unterstuetzung Amerikas fuer Israel sicherte. Als 1976 ein
Flugzeug der Air France von Terroristen nach Uganda entfuehrt wurde, befahl
Rabin die "Operation Jonatan", durch die Passagiere und Besatzung befreit und
nach Israel geflogen wurden. Der Kommandant der Aktion, Jonatan Netanjahu, wurde
bei diesem Einsatz in Entebbe getoetet.
Ein
Misstrauensantrag fuehrte 1977 zu Neuwahlen, nach denen Menachem Begin Ministerpraesident
wurde. Nach der Affaire um das Bankkonto seiner Frau in Washington, trat Rabin
aus der Parteispitze zurueck.
In
den naechsten Jahren blieb Rabin Mitglied der Knesset. Von 1984 bis 1990 war
er Verteidigungsminister in zwei Nationalen Einheitsregierungen. 1990 verliess
Rabin das Verteidigungsministerium und nahm fuer die naechsten zwei Jahre wieder
auf der Oppositionsbank Platz.
Im
Februar 1992 wurde Rabin Vorsitzender der Arbeiterpartei und nach den Knessetwahlen
im Juni begann seine zweite Amtszeit als Ministerpraesident. Rabin war der erste
"Sabre" Ministerpraesident. Er fuehlte sich verpflichtet, den Friedensprozess,
der in der Konferenz von Madrid, 1991, begonnen worden war, fortzusetzen. Kurz
nach der Praesentation seiner Regierung erklaerte er: "Es gibt nur zwei Loesungen:
sich ernsthaft um den Frieden zu bemuehen, um die Sicherheit Israels zu gewaehrleisten,
denn ein Frieden ohne Sicherheit ist sinnlos. Oder weiter zu leben, und fuer
immer mit der Feindseligkeit unserer Nachbarn konfrontiert zu sein."
Gemeinsam
mit seinem Aussenminister Shimon Peres verhandelte Rabin erfolgreich die Grundsatzerklaerung
mit der PLO, die im September 1993 in Washington unterzeichnet wurde. Diese
Grundsatzerklaerung beendete die Intifada und eroeffnete Verhandlungen mit den
Palaestinensern ueber die Autonomie im Gazastreifen und in der Westbank.
Im
Oktober 1994 wurde der Friedensvertrag mit Jordanien unterzeichnet. Dadurch
wurde die Entwicklung von Kontakten mit anderen arabischen Laendern in Nordafrika
und im Persischen Golf angeregt.
Am
10. Dezember 1994 wurde Ministerpraesident Rabin, Aussenminister Peres und PLO
Chef Arafat der Friedensnobelpreis verliehen. In seiner Ansprache sagte Rabin:
"Jahrzehntelang diente ich im Militaer. Unter meiner Verantwortung gingen
junge Maenner und Frauen, die leben wollten, die lieben wollten, stattdessen
in den Tod. Sie fielen in der Verteidigung unseres Lebens. ... In unserem Teil
der Welt, im Nahen Osten, in unserer Heimat Israel, aber auch in Aegypten, Syrien,
Jordanien, dem Libanon, gibt es hunderte Friedhoefe. ... Ich verbeuge mich vor
allen - den Gefallenen aller Laender und aller Kriege; vor den Mitgliedern ihrer
Familien, die die unertraegliche Last der Trauer tragen; vor den Invaliden,
deren Narben niemals heilen werden. Heute Abend moechte ich jeden einzelnen
von ihnen ehren, denn dieser wichtige Preis gehoert ihnen. ... Dass wir nun
den Frieden aufbauen, betrachten wir als grossen Segen fuer uns, fuer unsere
Kinder nach uns. Wir betrachten es als Segen fuer unsere Nachbarn und fuer unsere
Partner in diesem Unternehmen - die Vereinigten Staaten, Russland, Norwegen
- die soviel taten, um das Abkommen, das hier in Oslo und spaeter in Washington
und Kairo unterzeichnet wurde, zustande zu bringen. Es ist der Beginn einer
Loesung fuer den schwierigsten Teil des arabisch-israelischen Konfliktes: den
zwischen den Palaestinensern und Israel. ... Frieden ist moeglich. Wir sehen
die Hoffnung in den Augen unserer Kinder. Wir sehen das Licht in den Gesichtern
unserer Soldaten, in den Strassen, den Autobussen, .... Wir duerfen sie nicht
im Stich lassen. Wir werden sie nicht im Stich lassen. ... Mit mir hier sind
fuenf Millionen Buerger Israels - Juden, Araber, Drusen und Tscherkessen - fuenf
Millionen Herzen schlagen fuer Frieden, und fuenf Millionen Augenpaare blicken
auf uns mit so grossen Erwartungen."
Einige
dieser erwartungsvoll blickenden Augenpaare gehoerten Familienangehoerigen.
Jitzchak Rabin hatte waehrend des Unabhaengigkeitskrieges Lea Schlosberg geheiratet.
1950 wurde ihre Tochter Dalia geboren, fuenf Jahre spaeter ihr Sohn Yuval.
Waehrend
des Begraebnisses verabschiedete sich Enkelin Noa von ihrem Grossvater: "Grossvater,
... ich moechte dich wissen lassen, dass ich dich bei allem, was ich getan habe,
vor mir sah. Deine Wertschaetzung und deine Liebe haben uns bei jedem Schritt
begleitet und wir haben immer im Licht deiner Werte gelebt. Du hast uns niemals
im Stich gelassen. ... Die Engel im Himmel, die dich jetzt begleiten, bitte
ich, gut auf dich aufzupassen und dich gut zu beschuetzen, weil du einen solchen
Schutz verdienst."
In
der Nacht nach Rabins Tod fand eine Regierungssitzung statt. Einige Stunden
zuvor war Shimon Peres mit Jitzchak Rabin Seite an Seite gestanden und hatte
mit ihm "Schir LaSchalom" gesungen - das Lied des Friedens.
Am
Sonntag waren die Strassen und Geschaefte leer. Die einzigen Worte, die man
hoeren konnte, waren: "Ich kann es nicht glauben. Ich kann es nicht glauben."
Vor der Knesset defilierten Millionen Menschen vor dem Sarg Rabins. Viele waren
Stunden gefahren und hatten lange gewartet, um sich von ihrem Ministerpraesidenten
verabschieden zu koennen.
"Ich
sehe unser Volk in einem tiefen Schockzustand, mit Traenen in den Augen",
sagte Shimon Peres in seinem Nachruf. "Aber auch ein Volk, das weiss, dass
die Kugeln, die dich toeteten, nicht deine Idee toeten konnten, die du in dir
trugst. Du hast uns keinen letzten Willen hinterlassen, aber du hast uns einen
Weg gezeigt, auf dem wir mit Ueberzeugung und Glauben weitergehen werden. Die
Nation vergiesst heute Traenen. Aber dies sind auch Traenen der Einheit und
der Besinnung auf den Frieden in uns und den Frieden mit unseren Nachbarn. ...
Auf Wiedersehen, mein aelterer Bruder, Held des Friedens. Wir werden diesen
grossen Frieden weitertragen, jetzt und immer, wie Du es in deinem Leben versucht
hast, so wie du uns mit deinem Tod dazu beauftragst."
Leah
Rabin starb am 12. November 2000.
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Bearbeitung: Dr. Chani Hinker