Nur
wenige Themen haben die israelische Seele stärker beeinflusst
als der Konflikt, der das Land in verschiedenen Formen von den
allerersten Tagen an vereinnahmte. Die zionistische Theorie
hatte nicht die Absicht, eine solche Situation eintreten zu
lassen. Israel sollte der Ort sein, an dem die Juden endlich
vom Schreckgespenst des Antisemitismus, der sie jahrhundertelang
verfolgt hatte, befreit leben sollten. Gemäss dieser Ideologie
sollten andere Themen im Mittelpunkt des israelischen Lebens
stehen: die Bibel, das Land und der "neue Jude." Bis
zu einem gewissen Grad hielt die Illusion bis zur Staatsgründung
1948 an. Obwohl sich der Jischuw ständig mit Terrorakten
und Blutvergiessen herumschlagen musste, rückte das Thema
erst mit der Staatsgründung wirklich in den Mittelpunkt
des israelischen Bewusstseins. Und dort ist es bis heute geblieben,
wenn auch in einer sich ändernden Form.
Die
Feindseligkeiten und Kampfhandlungen von 1948 nahmen zum ersten
Mal die Formen eines richtigen Krieges an, und Israeli verlor
seine Unschuld. Die Todesrate des Unabhängigkeitskrieges
(6000: ungefähr 1% der damaligen Bevölkerung) war
ein Schlag, der nicht ignoriert werden konnte. Trotz der Errungenschaft,
die arabischen Armeen abgewehrt zu haben, trotz der Freude und
des Stolzes auf die Unabhängigkeit, schwebte ab diesem
Zeitpunkt eine Wolke über Israel, verschlimmert nur durch
die Erkenntnis des Ausmasses der Shoah.
In
diesen frühen Jahren herrschte ein Optimismus aus dem Glauben
heraus, die Zeit arbeite zu Israels Vorteil und irgendwann werde
es Frieden geben. Israel repräsentierte die Kraft der Zukunft:
mit seinen guten, moralischen Intentionen und den Bürgern,
die überzeugt waren, das Gute werde am Ende siegen. Als
es klar wurde, dass der Unabhängigkeitskrieg keinen Frieden
gebracht hatte und dass es in Zukunft wahrscheinlich mehr Blutvergiessen
geben würde, setzte sich die israelische Bevölkerung
nieder, um geduldig zu warten. Kriege kamen zuerst regelmässig
einmal pro Jahrzehnt: nach 1948 kam 1956, dann 1967. Obwohl
Verluste gemacht wurden, blieben die Israelis optimistisch.
Der Sechs Tage Krieg entfesselte die volle Wirkung dieses Phänomens,
verbunden später mit einem messianischen Glauben, der durch
die Besetzung des einstigen Kernlandes des antiken Israel freigesetzt
worden war.
Viele
betrachten den Jom Kippur Krieg von 1973 als Wendepunkt. Nach
diesem Krieg wurde ein anderer Ton hörbar. Das wurde nicht
nur durch die hohe Todesrate verursacht, sondern auch durch
die Art, wie schliesslich nach den entsetzlichen Verlusten der
ersten Tage der Sieg erreicht wurde. Der Krieg war eine fürchterliche
Überraschung gewesen, - wie viele grlaubten - das Resultat
einer allgemeinen israelischen Arroganz und des Gefühls
der Unbesiegbarkeit. Von da an begann sich die Atmosphäre
im Land zu verändern und ein pessimistischer - einige nannten
es realistischer - Ton bestimmte den nationalen Diskurs.
Dieser
Ton verdunkelte sich in den letzten Jahrzehnten und erreichte
Höhepunkte in Krisen wie den frühen Stadien des Libanonkrieges
(frühe 1980er), in der ersten Intifada (späte 1980er),
der Terrorwelle in der Mitte der 1990er und der zweiten Intifada.
Die Krisen wurden durch die verschiedenen Friedensverträge
und andere Friedensabkommen unterbrochen, die Optimismus und
gelegentliche Euphorien förderten. Während dieser
Unterbrechungen - das Camp David Abkommen mit Ägypten,
der Friedensvertrag mit Jordanien und die Osloer Verträge
- fanden viele Bevölkerungsteile ihren alten Enthusiasmus
wieder und gewannen ihren Glauben zurück, dass die Zeit
für den Frieden und einen neuen Nahen Osten arbeite. Gegenwärtig
kämpfen die meisten Optimisten schwer um ihren früheren
Glauben. Der Nahe Osten sieht dunkler aus als jemals zuvor.
Obwohl Hoffnung auf einen Friedensdurchbruch besteht, beruht
sie doch eher auf Gebet als auf einer soliden, rationalen Analyse
der gegenwärtigen Situation.
Krieg
hat die kreative israelische Kultur klipp und klar beeinflusst.
Der Wechsel von Optimismus zu Pessimismus ist auch im künstlerischen
Prozess sichtbar. Die heroische, mythische Sicht des israelischen
Soldaten, der gegen einen bösen Feind für eine gute
Sache kämpft, wurde weitgehend durch eine kritische, fragende
Anschauung ersetzt, welche die Komplexität der Situation
betont. Die traditionellen Ideen von "Gut gegen Böse",
"Wenige gegen Viele" und "David gegen Goliath"
wurden durch eine weniger vereinfachende, mehrdimensionale Haltung
ersetzt.
Diese
Veränderungen sind auf dem Gebiet des Films gut erkennbar,
wie an folgenden Beispielen demonstriert werden soll. In der
Frühzeit des israelischen Films steht oft der heldenhafte
Soldat im Mittelpunkt. Der Spielfilm "Hügel 24 antwortet
nicht" (1954) ist typisch für diese Gattung. Eine
berühmte Szene zeigt den israelischen Soldaten wie er gegen
einen Gefangenen der südlichen Front um sein Leben kämpft.
Es stellt sich heraus, dass dieser Gefangene ein ehemaliger
SS Offizier ist. Der Israeli wird als grosszügig, menschlich
und barmherzig (aber immer noch ein grossartiger Kämpfer)
beschrieben, während der Nazi als verräterisch, militaristisch
und ohne Moral dargestellt wird. Wir begegnen verschiedenen
Versionen dieser robusten aber moralischen Figur, nur widerstrebend
kämpfend, aber bereit dies für eine gerechte Sache
zu tun, in vielen frühen israelischen Filmen. Da das israelische
Selbstportrait von den Diasporajuden gerne geglaubt und angenommen
wurde, überrascht es nicht, dass wir solchen Figuren auch
in Filmen wie "Exodus" und "Der Schatten des
Giganten" begegnen, dargestellt von Paul Newman oder Kirk
Douglas.
Im
Laufe der Zeit tauchten komplexere Figuren auf. Der faszinierende
Film "Riochet" (1986) ("Zwei Finger aus Sidon"
auf Hebräisch), der von der israelischen Armee als Trainingsfilm,
der Soldaten in die komplexe Situation im Libanon einführen
sollte, produziert wurde, war hinsichtlich dieser Entwicklung
ein Meilenstein. Er zeigt den Kampf zwischen dem idealistischen,
moralischen Standpunkt Gadis, eines neuen Offiziers, der von
der Ausbildung direkt in den Libanon abkommandiert wird, und
dem lebensüberdrüssingen Tuvia, seines Kommandooffiziers,
der durch seine Erfahrungen in einer Welt, in der Idealismus
Schwäche ist, zynisch und hart wurde. Der Film stellt sich
nicht auf die Seite eines Standpunktes, sondern bleibt ambivalent.
Auch
der Film "Kirschenzeit" (1991) war ein Produkt der
Lage im Libanon, aber weniger ambivalent und "establishment".
Dieser beissende, surrealistische Film konzentrierte sich auf
eine Gruppe von Zivilisten, die ihren Reservedienst im Libanon
ableisten sollen. Diese Figuren sind weit entfernt von den heroischen
Soldaten des frühen israelischen Kinos: sie sind Opfer,
denen es nur darum geht, den Dienst zu überleben und unverletzt,
wenn auch nicht narbenlos, nach Hause zu kommen. In einer besonders
rauhen Szene des Filmes schreit einer der Soldaten eine intensive
Anschuldigung gegen die Politiker hinaus. Er beschuldigt sie,
die Armee in eine so absurde Situation gebracht zu haben. Es
wird klar gemacht, dass es in diesem Krieg keinen Ruhm gibt.
Ein
anderer wichtiger Film ist die dunkle, pessimistische Sichtweise
- einige nannten sie apokalyptische - der israelischen Gesellschaft
in Assi Dayans "Life According to Agfa" aus dem Jahr
1992. Der Film beschreibt Ereignisse in einer heruntergekommenen
Tel Aviver Bar. Einige Soldaten haben ihren verwundeten Offizier
für eine Nacht in der Stadt aus dem Spital genommen. Das
Benehmen der mehr und mehr betrunkenen Soldaten entgleist völlig.
Vulgär und unmoralisch verspotten sie das Bild des israelischen
Soldaten als moralische Figur, wie sie die Musik eines alten
zionistischen Liedes verspottet, das sie am Ende des Films aus
der Bar hinausbegleitet.
Erwähnenswert
ist auch ein neuerer Film, "Yossi und Jagger" (2002),
der die private Beziehung zweier schwuler Offiziere zeigt. Mit
diesem Film wurde das Machoimage des israelischen Offiziers
endgültig umgeworfen.
Verschiedene
Einblicke gewinnen wir auch durch die musikalische Betrachtung
der Situation. Es ist zwar wohlbekannt, dass viele israelische
Lieder an Krieg und Soldaten erinenrn, aber viele Leute wissen
nicht, dass die frühen israelischen Kriege eine Art Soundtrack
produzierten, der Teil der kollektiven Erinnerung an dieses
Ereignis wurde. Dazu gehören Lieder, die auf dem Weg zum
Krieg entstanden, Lieder während des Krieges oder - meistens
- unmittelbar danach. Da sie die Macht hatten, die Zeit des
Krieges zu beschwören - für die Allgemeinheit und
die Soldaten - war das Aufnehmen solcher Lieder sehr populär.
Es
ist interessant, dass zwar die Kriege von 1948, 1967 und 1973
eine Fülle von Liedern hervor brachten, dies aber nicht
für den Libanonkrieg gilt, über den es nicht einen
einziges Lied gibt. Es scheint, dass die Erfahrung im Libanon
zu bedrückend und entzweiend war, um eine kreative Antwort
erkennen zu lassen.
Der
Inhalt der frühen Kriegs- und Soldatenlieder kreiste um
drei Hauptthemen: die Erinnerung an bestimmte Schlachten und
militärische Gefechte; Erinnerungen - oft zärtlich
oder amüsant - an verschiedene Seiten des Militärlebens;
und Nachrufe auf Gefallene. Im Laufe der Zeit dominierten die
Nachrufe, während die anderen Gattungen fast völlig
aufhörten. In den letzten zehn Jahren trat eine neue Art
Lied hervor: eine Klage um den noch nicht eingetretenen Frieden.
Ausser
den humoristischen Armeeliedern, werden alle Arten von Liedern
am Holocaustgedenktag und am Gedenktag für die gefallenen
Soldaten ausgestrahlt. So wurden diese Lieder ein immer wiederkehrender
Soundtrack für die israelische Öffentlicht: sie sind
weniger mit einem speziellen Krieg verbunden, sondern werden
einfach mit dem Thema Krieg assoziiert.
Einerseits
entstanden einzelne Lieder aus der Erfahrung des Landes mit
den Kriegen, andererseits trugen die Lieder zum nationalen Kriegsbewusstsein
bei. Jeder, der Israel und seine Kriege verstehen will, sollte
sich diese Lieder anhören. Es wird sich bald herausstellen,
dass die Kriegserfahrungen des Landes keine glücklichen
waren. Das sind weder hurrapatriotische Lieder nationaler Arroganz
noch Lieder, die den ruhmreichen Sieg preisen. Die meisten Lieder
sind Klagen. Obwohl sie durch den Krieg enstanden, sind sie
keine Kriegslieder: im tiefsten Sinn sind sie Friedenslieder.
Dasselbe
gilt für die israelische Prosa und Dichtung. Viele (männliche)
Schriftsteller haben an den Kriegen teilgenommen. Daher ist
es kaum überraschend, dass ihre Werke diese Erfahrungen
widerspiegeln. Die israelische Dichtung ist besonders tragisch.
Die Dichter sehnen sich nach ihren toten Vätern, Söhnen
und Kameraden, und nach ihrer verlorenen Unschuld. Wenn Amichai
eine Reihe von Gedichten über einen 1948 in den Dünen
von Aschkelon gestorbenen Freund schreibt, klingt er völlig
überzeugend. Das ist keine Dichtung der Trennung, sondern
der tiefsten Verstrickung.
Das
stimmt auch für die Prosa. Die frühe Generation der
post-1948 Schriftsteller wird oft als "Palmachgeneration"
bezeichnet, wegen der Teilnahme vieler von ihnen an dieser Elitetruppe.
Ihre Werke sind weitgehend von Kultsymbolcharakter. Heroische
Szenen und Figuren füllen die Seiten. Manchmal wird der
moralisch reine Soldat mit dem Sabra vermengt, dem im Land geborenen
heroischen Menschen.
Eine
Stimme der Palmachgeneration schlug eine andere Richtung ein:
S. Yitzhar. Von Anfang an betonte er die Tragödie von Krieg
und Auseinandersetzung und zeigte die komplexe, schmutzige Moral
auf, die all jene beeinflusst und befleckt, die in das Geschäft
des Krieges verwickelt sind. Seine frühen Romane und Geschichten,
die im Krieg von 1948 spielen, zeichnen das Porträt des
moralisch verschwommenen Soldaten, der zu kleinlichen Handlungen,
Grausamkeiten und Rachsucht fähig ist. Das wird vor allem
deutlich in der Geschichte "Der Gefangene" aus dem
Jahr 1949. Er steht im Gegensatz zu den meisten Schriftstellern
seiner Generation. Wenn die Geschichte ausserhalb ihres Kontext
gelesen wird, kann man leicht den Eindruck gewinnen, dass sie
nach dem Libanonkrieg geschrieben wurde.
Sogar
schon bevor dem Libanonkrieg begannen viele andere Autoren kritischer
über die Erfahrung des Soldatenlebens zu schreiben, obwohl
das nicht unbedingt mit der Erfahrung von Krieg identisch war.
Die düstere Realität des normalen Lebens untergrub
die mythische Dimension der frühen Schriftsteller. Yitzhak
Ben Ner zum Beispiel schreibt in seiner Geschichte "Der
Turm" überzeugend und deprimierend über das Leben
im Armeelager in Friedenszeiten. Die tägliche Routine lässt
keinen Raum für Heldentum. Das Thema dieser Geschichte
ist der unheroische Aussenseiter, der in den meisten Einheiten
der Armee anzutreffen ist. Ben Ners Protagonist ist der 31.
Soldat in einer Einheit, die nur aus 30 Soldaten bestehen soll.
Jedes
bis jetzt erwähnte Medium - Film, Musik und Literatur -
bezieht sich auch auf den Soldaten in den besetzten Gebieten,
und meistens auf kritische Weise. Um das Beispiel der populären
Musik zu nehmen, so produzierte die erste Intifada nur Lieder,
so bitter und beissend wie nie zuvor in Israel. Sie sind äusserst
politisch und kritisieren scharf die Handlungen der israelischen
Armee. Si Heimans "Wir schiessen und wir weinen" bezieht
sich auf einen besonderen Fall von Grausamkeit durch einige
israelische Soldaten und fragt: "Wann haben wir gelernt,
Menschen lebendig zu begraben?" Chava Albersteins modernisierte
Version des klassischen Pesachliedes "Chad Gadja vergleicht
Israel mit dem verschlingenden Tier des Liedes. Etgar Kerets
Geschichte "Gespannt und Gesperrt" untersucht die
Schwierigkeiten israelischer Soldaten, denen Zurückhaltung
befohlen wurde, angesichts palästinensischer Provokationen.
Die Geschichte ist eine ausgezeichnete Allegorie auf den Nutzen
von Stärke und Schwäche im gegenwärtigen Konflikt.
Es
bleibt eine Tatsache, dass die Erfahrungen von Armee und Krieg
die israelische Kultur in vielen Aspekten beeinflusst haben.
Das erklärt auch die ausserordentliche Popularität
und den Einfluss der Unterhaltungsgruppen der Armee, die den
Unterhaltungsmarkt bis in die 1970er dominierten. Diese Gruppen
waren Einheiten von aufstrebenden Künstlern, die ihre Karriere
innerhalb eines militärischen Rahmens voranbringen konnten.
Das perfekte kulturelle Symbol dieses sehr israelischen Phänomens
war die Nahal Gruppe - die bekannteste dieser Einheiten - die
Kampfsoldaten mit dem Friedenslied "Shir Lashalom"
unterhielten - das bekannteste Lied einer solchen Einheit, das
die Notwendigkeit von Frieden betont und wie wichtig es ist,
den Krieg nicht zu glorifizieren.
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