Kultur in Israel

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Die Shoah (Holocaust) steht im Mittelpunkt des israelischen Seelenlebens. Ungleich anderer historischer Ereignisse, deren Einfluss langsam zurückgeht, hat sich der Einfluss des Holocaust auf die israelische Gesellschaft im Laufe der Zeit verstärkt. Dieser Prozess ist komplex und kaum in wenigen Sätzen zu beschreiben. Aber das Verständnis seiner Dynamik ist ein wesentlicher Bestandteil in jedem Überblick über israelische Kultur.

Grosse Teile der israelischen Gesellschaft - die Masse, die Entscheidungsträger und Kulturikonen - waren emotional jahrzehntelang in ihrer Haltung der Shoah gegenüber "blockiert". Der Hauptgrund war, dass es für viele Israelis - und für die Gesellschaft als Ganzes - schwierig war, diese Periode in de jüdischen Geschichte ohne die schützende, ideologische Rüstung des Zionismus zu sehen, die die Opfer ebenso verurteilte wie sie sie betrauerte. Die vorherrschende zionistische Strömung warf ihnen vor, die Warnsignale missachtet zu haben - zu sehr an der relativen Bequemlichkeit der Diaspora festgehalten zu haben - und schliesslich wie die sprichwörtlichen "Schafe zur Schlachtbank" in den Tod gegangen zu sein. In diesem Sinn bestätigte der Shoah die zionistische Ansicht über die Gefahren der Diaspora, die Schwächen des zögerlichen Diasporajuden und den stolzen, aufrechten, nationalen Juden, den der Zionismus hervorgebracht hatte. "Wir hätten anders gehandelt", stellten sie fest. Jahrelang hielt diese herablassende Art viele Israelis davon ab, die Kompliziertheit der wahren Situation, in der sich die europäischen Juden befunden hatten, zu begreifen.

Das Thema wird wunderbar beschrieben und satirisch aufbereitet in Shulamit Harevens grossartiger Geschichte "Der Zeuge". Die Geschichte zeigt die Probleme, auf die ein junger Holocaustflüchtling trifft, der in einem israelischen Internat eintrifft, nachdem seine ganze Familie ermordet wurde. Durch den selbstgerechten Ton des Erzählers, eines Lehrers an der Schule, werden wir Zeugen der Herzlosigkeit der damaligen Gesellschaft und ihrer Unfähigkeit, sich mit den Erfahrungen der Opfer und Überlebenden zu identifizieren und Anteil zu nehmen.

Die Zionisten entschlossen sich stattdessen, das Andenken an die stolzen Ghettokämpfer aus Warschau und aus anderen Orten hoch zu halten. Diese repräsentierten die "positive" Seite des jüdischen Verhaltens im Gegensatz zu den gesichtslosen Millionen, die - gemäss dem zionistischen Vorurteil - auf beschämende Weise starben. In einer solchen Atmosphäre ist es nicht verwunderlich, dass das Thema von den meisten Israelis - ausser jenen, die direkten Kontakt mit der Shoah gehabt hatten - auf Distanz gehalten und intellektualisiert wurde. Dieses erste Stadium der israelischen Holocausterinnerung dauerte bis in die Siebzigerjahre. Zwei Ausnahmen sollen hier dennoch erwähnt werden, die an der Verleugnung, der die Majorität der israelischen Gesellschaft charakterisierte, keinen Anteil hatten: Aharon Appelfeld und Ida Fink, die beide hervorragend das Europa des Holocaust, dessen Ereignisse sie am eigenen Leib erfuhren, beschwörten.

Eine Reihe von Faktoren verursachten eine langsame Aushöhlung der üblichen israelischen Holocaustdistanz und veranlassten eine ehrlichere, persönliche Bewertung der Vergangenheit mit mehr Verständis und Anteilnahme. Die beiden Hauptfaktoren für die Veränderung waren Wissen und emotiale Reaktion. Der erste Schritt zu einem tieferen Verständnis der jüngsten Vergangenheit war der Eichmannprozess 1961. Zum ersten Mal wurden Holocaustopfer aufgefordert, als Zeugen hervorzutreten und ihre Erfahrungen offen vor der israelischen Öffentlichkeit zu erzählen. Weitere Enthüllungen über die deutsche Vorkriegs- und Kriegsbürokratie zeigten deutlich, dass die Situation viel komplizierter gewesen war als viele angenommen hatten. Später begann das Verständnis dieser Ereignisse das israelische Bewusstein zu durchdringen. Zusätzlich begannen viele Gruppen junger Israelis mit einem ernsthaften Studium der Shoah, inklusive Reisen nach Polen.

Die Änderung der emotionalen Reaktionen ist viel schwieriger und kann teilweise mit dem veränderten israelischen Selbstbildnis verbunden werden, dass sich einer feindlichen Welt gegenüber sah, existenziell bedroht von arabischen Staaten und Terror. Die Israelis hatten sich früher durch das Prisma des ideologischen Zionismus betrachtet, als Volk, das Angst und Neurosen - das Erbe der Diasporajuden - zurückweist. Jetzt hatten sie Angst um ihre Familien und um sich selbst. Die Figur des Juden als Opfer konnte nicht länger als exklusives Eigentum des Diasporajuden verbannt werden. Israelis begannen sich selbst als Opfer zu sehen. Sie verstanden die Last ihrer Mitmenschen, die passiv zugesehen hatten, wie sich die Kräfte des Hasses immer mehr um die Juden scharten. Sie anerkannten die Shoah in ihren Köpfen und fühlten sie in ihren Herzen. Die Anteilnahme, an der es vorher viele Israelis hatten fehlen lassen, wurde offensichtlich und das ganze Thema akzeptabel. Das zeigt sich in der israelischen Kunst. Wenn man zum Beipiel die ideologische Position der frühen israelischen Kunst, die in der offiziellen israelischen Holocaustgedenkstätte Yad Vashem gezeigt wird, vergleicht, dann erkannt man, dass israelische Künstler und Schriftsteller mehr Anteil nehmen.

Dieses zweite, einfühlende Stadium der Holocausterinnerung wird durch jüngere Schriftsteller, die nicht direkt in die Ereignisse verwickelt waren, veranschaulicht. Trotzdem zeugt ihr Werk von einer tiefen Sensibilität, vor allem gegenüber den Überlebenden in Israel. David Grossman, Shulamit Hareven und Savyon Liebrecht zum Beispiel betonen die Tragödie der für immer durch die Ereignisse in Europa veränderten Leben. Hareven kritisiert auch die herzlose, herablassende Art des Jischuw nach dem Zweiten Weltkrieg.

Das israelische Kino konzentriert sich im allgemeinen nicht auf die Shoah. Zwei wichtige Spielfilme, die das Thema Überlebende in den frühen Jahren des Staates zu bewältigen versuchten, sollen dennoch erwähnt werden. Beide wurden von Israels führender Filmschauspielerin Gila Almagor produziert. Almagor, die Tochter von Holocaustüberlebenden, schuf in den 1980er und 90er zwei wunderbar einfühlsame Filme. "Avias Sommer" (1988) und "Unter dem Maulbeerbaum" (1995) besitzen tiefe emotionale Kraft und gehören zu den besten israelischen Filmen. Ein anderer, sehr unterschiedlicher Film ist die Dokumentation "Wegen dieses Krieges". Der Film zeigt den ausserordentlichen Versuch des Rockmusikers Yehuda Poliker und seines Partners Yaakov Gilad, beide Kinder von Überlebenden, Rocksongs über die Shoah zu schreiben und die Erfahrungen ihrer Eltern aufzuzeichnen.

Es gibt viele andere Dokumentationen zu diesem Thema. Mit der Zeit änderte sich die Betonung. Zuerst wurden in grossem Umfang Stellungsnahmen abgegeben, nicht nur in Film und Literatur, sondern auch in der Monumentalplastik wie die kraftvolle "Feuerrolle" in den Judäabergen in der Nähe von Jerusalem. In den letzten Jahren wurden diese Monumentalwerke immer mehr von kleineren, persönlicheren Statements abgelöst. Heute werden viele Dokumentationen produziert, in den Überlebende über ihr tägliches Leben berichten und ihre persönliche Geschichte erzählen.

Auf gewissen Weise wiegt die Erinnerung im Laufe der Zeit immer schwerer. Dieses Thema wird sicherlich für viele Jahre Teil der israelischen Seele und ihres künstlerischen Ausdrucks bleiben.

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