Kultur in Israel

Kultur in Israel > Die Bibel

Der Tenach (die Bibel) spielte in der Entwicklung der modernen israelischen Gesellschaft eine integrale Rolle. Populäre Musik kann als Masstab für dieses Phänomen herangezogen werden. In den frühen Jahrzehnten des Landes wurden viele Lieder geschrieben, deren von der Öffentlichkeit eifrig gesungenen Texte aus der Bibel stammten. "Schir Haschirim" - Das Lied der Lieder - war ein besonderer Liebling. Auf den ersten Blick mag dies überraschen, da die überwältigende Tendenz in der israelischen kulturellen Schaffenskraft nichtreligiös war. Warum würde sich eine so nichtreligiöse Generation so begeistert der Bibel zuwenden?

Die Antwort darauf mag sein, dass die meisten neuen zionistischen Juden, die sich als nichtreligiös identifizierten, den Tenach als einen kulturellen, historischen, poetischen, sogar geographischen Text betrachteten, und nicht als einen religiösen. Während sich viele vom religiösen Kontext und der Philosophie des Textes lösten, identifizierten sie sich stark mit seinen anderen Aspekten. Ebenso wie die religiösen Juden fühlten sie, dass der Text ihnen gehörte. Sie lernten ihn und feierten ihn - zu einem grossen Teil. In einer gewissen Weise war ihre Reaktion auf den Text ähnlich jener auf die oben erwähnte Archäologie. Tatsächlich wurden Text und Archäologie als Aspekte des Anspruches auf jüdische Identität in diesem Land betrachtet. Die Wanderungen durch das Land, die die zweite Natur der frühen Pioniere waren, wurden stets mit einer Bibel im Rucksack unternommen.

Die frühe israelische Literatur führte die in der Haskalah geborene Tradition weiter. Sie versuchte die biblischen Geschichten in Prosa und Vers zu erweitern, indem die emotionalen und psychologischen Aspekte der Erzählung, die im Original grossteils ausgelassen sind, durchdrungen wurden. Ein gutes Beispiel für diese Tendenz sind Moshe Shamirs Bücher über David und Batsheva oder die Makkabäerkönige. Die wieder im biblischen Heimatland lebenden Schriftsteller (inklusive Dramatiker) waren offensichtlich in der Lage, mit diesen bliblischen Figuren eine Verbindung einzugehen und ihre Geschichten auf eine entmythologisierende Art zu erzählen und sie - wie das Land selbst - realer zu machen.

Auch Bildhauer und Maler leisteten ihren Beitrag zu den neuen realistischen Strömungen. Befreit von den religiösen Zwängen betreffend figurativer Kunst, begannen viele Künstler biblische Figuren in einer oft seltsamen und ziemlich surrealistischen Umgebung zu zeichnen. Das Werk Ivan Schwebels, der König David zeigte, wie er sich in den Strassen des modernen Jerusalem tummelt, ist ein starkes Beispiel für dieses Phänomen.

Für viele Israelis, die mit der religiösen Tradition gebrochen haben, ist die Bibel ein lebendiger, zugänglicher Text, der von einem frischen Gesichtspunkt aus immer wieder neu betrachtet werden kann. Das Leben im Land hat die Vorstellungskraft vieler kreativer Geister befreit und lässt sie die Tiefen des biblischen Textes für eine neue Generation ausloten.

Viele haben in der Bibel ein Potential von Paradigmen gefunden, die die moderne israelische und jüdische Realität ausdrücken. Das vielleicht stärkste Beispiel ist die tiefe Bedeutung, die viele in der Geschichte von der Bindung Isaaks (Akedah) gefunden haben. Es gab zwei wichtige moderne Interpretationen dieser Geschichte, die beide den Standpunkt Isaaks, des unschuldigen Opfers, einnehmen. Die erste interpretiert ihn als das Opfer der Shoah, die zweite als gefallenen Soldaten der israelischen Kriege. Die gemeinsame Element beider Interpretationenn ist die Identifikation mit dem Opfer moderner Ideologien, seien sie rassisch oder national. Sie zeichnen Isaak - den modernen Juden und modernen Israeli - als denjenigen, der den Preis bezahlt für den ideologischen Fanatismus und die Blindheit anderer.

Einige kraftvolle Texte gingen aus dieser traditionellen Geschichte hervor. Amichai zum Beispiel schrieb ein überwältigendes Gedicht, das über die Idee vom opfer Isaak hinausgeht. Er schliesst das Gedicht, indem er kommentiert, der Leser des Gedichtes und das Publikum dieses dramatischen Vorganges pflegen mit Abraham und Isaak nach Hause zu gehen, seufzend vor Erleichterung. Er weist darauf hin, dass das wirkliche Opfer, der den Schluss der Geschichte nicht überlebende Widder, üblicherweise vergessen wird. Für Amichai repräsentiert der Widder den wirklichen Helden der biblischen Geschichte, das endgültige Opfer.

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