Kultur in Israel

Kultur in Israel > Jerusalem

Jerusalem verdient aus zwei Gründen eine besondere Erwähnung. Erstens unterscheidet sich trotz der Zugehörigkeit zum Kapitel "Das Land" die Position Jerusalems auf der Skala von Mythos und Wirklichkeit vom Rest des Landes. Zweitens bedeutete Jerusalem für ein Heer verschiedener Künstler eine ungeheure Inspiration.

Es mag heute nicht zum Allgemeinwissen gehören, dass viele der frühen Pioniere, die nach Palästina kamen, ausgeprägte ambivalente Gefühle gegenüber Jerusalem hatten. Viele verbanden es mit dem alten Bild des Torahjuden, der - wie sie es sahen - weiterhin die Juden in Trauer um die verlorene Vergangenheit niederdrücken und um eine messianische Zukunft beten wollte. Sie fühlten sich zur Veränderung der Gegenwart hingezogen, wie es der Zionismus forderte. Die Folge war, dass viele Pioniere eine tiefe Antipathie gegen die Stadt entwickelten und viele Jahre im Land verbrachten, bevor sie sie besuchten, und dann auch nur mit Vorbehalten.

Mit der Zeit aber entstand neben dem alten Jerusalem ein neues. Das war ein neues politisches und kulturelles Zentrum, dessen Fundamente in den neuen Stadtvierteln lagen, die ab den 1920er Jahren auf Initiative der zionistischen Bewegung aus dem Boden schossen. Während das Leben in der neuen Stadt dem in der alten gar nicht ähnlich war, unterschied sich ihr Rhythmus immer noch grundlegend vom restlichen Land, und vor allem vom sich neu entwickelnden Tel Aviv, das als lebendiger und dynamischer galt. Jerusalems Herz schlug langsamer. Es war ein kulturelles Zentrum im europäischen Sinne, und die Gründung der hebräischen Universität im Jahr 1925 sicherte viele Jahre lang ihre Vormachtstellung im Land.

Beide Städte schufen ihre eigene literarische Geographie. Die beiden Dichter, die vor allem die Besonderheit Jerusalems feierten, waren Shai Agnon und Jehuda Amichai, allerdings auf sehr verschiedene Weise. Der Schriftsteller der "alten Schule", Shai Agnon, beschrieb die älteren jüdischen Gemeinden der Stadt. Er wurzelte in der Sprache der religiösen Tradition und seine Schriften folgen fast zur Gänze der Spannungslinie zwischen dem europäischen Schtetl (repräsentiert durch seine galizianische Heimatstadt Buczacz, dessen Gemeinde im Holocaust zerstört wurde) und seiner "neuen" Heimat Jerusalem. Obwohl Kritiker klare Bewertungen der traditionellen Lebensart in seinem Werk erkennen, war, an der Oberfläche, seine Behandlung Jerusalems eine der Nostalgie für eine Lebensart, die im Begriff war, von der Welt zu verschwinden. Amichai andererseits war betont nichtreligiös und kritisierte die Last der Gechichte und des Mythos, die Jerusalem trug, auch wenn er leidenschaftliche Liebeslieder über die Stadt und ihre Menschen schrieb.

1967, als die Jerusalemer Altstadt unter israelische Kontrolle kam, war Amichai einer der wenigen Dichter, die sich nach dem alten Jerusalem von vor dem Krieg sehnten. In diesem Punkt war er nicht im Gleichschritt mit seiner Generation: die meisten israelischen Juden und die Schriftsteller unter ihnen sprachen voller Begeisterung über die wieder zugänglichen Plätze. Sie besuchten diese Plätze mit intensiver Erregung. Auch Shai Agnon schloss sich ihnen an. Am berühmtesten ist Naomi Shemers Lied "Jerusalem aus Gold", das biblische und rabbinische Bilder verwendet und die modernen, nichtreligiösen Israelis mit dem alten, mythischen Jerusalem ködert. In jener Zeit, in den späten 60er und frühen 70er Jahren, erreichte Jerusalem die einvernehmlichste Position in der modernen zionistischen Geschichte. Jerusalem stand im Mittelpunkt, als es durch zahllose literarische und musikalische Werke gepriesen und gefeiert wurde.

Mit der Zeit jedoch schwand der virtuelle Konsensus über Jerusalem, als es ein Zankapfel wurde. Obwohl es im allgemeinen aus der politischen Debatte herausgehalten worden war, die Israel in Diskussionen über die 1967 besetzten Gebiete verwickelte, änderte sich die Situation doch zusehends. Die erste Indikation war vielleicht in der neuen, zunehmend lärmenden ultraorthodoxen Militanz sichtbar, vielleicht war auch die Intifada der späten 1980er das erste Zeichen für Veränderung. Es ist möglich, dass für viele Menschen die Veränderung eingetreten war und jetzt offensichtlich wurde. Von vielen in der politischen Mitte und auf der linken Seite wurde Jerusalem immer mehr politisch betrachtet. Sie sahen in Jerusalem nicht länger die tröstende, inspirierende Hauptstadt, sondern trotz der gefühlvollen Verbundenheit mit der Vergangenheit als reale Stadt mit realen politischen Problemen. Der Mythos funktionierte nicht länger. Die Zahl der Preislieder für Jerusalem ging dramatisch zurück, verglichen mit dem Trend 30 Jahre früher. Für viele auf der rechten politischen Seite aber blieb die Inspiration. Und so ist Jerusalem auch in Zukunft eine Stadt, die von verschiedenen Menschen unterschiedlich gesehen wird.

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