Kultur in Israel

Kultur in Israel > Das Land

Der Zionismus verwandelte das Land in die Bühne, auf der das grosse moderne Drama der jüdischen Geschichte ihre physische Form zum Star machte. Tausende Jahre lang spielte das Land eine entscheidende Rolle im jüdischen Bewusstsein. Fast zweitausend Jahre lang hatte dieses Bild in den Gedanken der Juden überall auf der Welt mythische Proportionen angenommen, die sich immer mehr von der Realität entfernten. Eine der grossen Errungenschaften des Zionismus für das jüdische Volk war die Restoration des realen Landes als Zentrum des historischen Schauplatzes und seine Reklamierung als das physische Erbe der Nation. Die Stärkung der physischen Verbindung mit dem Land war eine der wichtigsten Handlungen der einwandernden frühen Zionisten: sie kamen inspiriert vom Konzept des Landes und nahmen die Realität begeistert an.

Während des Lebens in der Diaspora hatten sich die Juden nicht nur vom Land Israel, sondern auf von der Natur im allgemeinden entfernt. Die rabbinische Ideologie suchte die Unterordnung der Natur unter die Welt des Wortes. Einige hatten die Beobachtung und Wertschätzung der Pracht der Natur als ablenkung vom Torahstudium betrachtet. Daher war die Begeisterung der frühen Pioniere für die Natur eine doppelte Revolution. Sie beanspruchten die Natur als eine legitime Sphäre für Juden, so wie sie das physische Land als Teil ihres Erbes beanspruchten.

Die frühe zionistische Literatur schwelgte in Beschreibungen des Landes. Da viele von ihnen in Europa von Leuten geschrieben wurden, die den Ort, den sie beschrieben, niemals sahen, tragen viele die unverwechselbare Aura des Idyll. Die Romanzen von Abraham Mapu, der als der erste moderne zionistische Romanautor gesehen wird, werden ebenso sehr vom Hohen Lied beeinflusst wie von der zeitgenössischen Realität. Chaim Nachman Bialiks frühe Zionsgedichte (geschrieben in Osteuropa) waren viel realistischer in ihren Naturbeobachtungen, aber es war die russische Landschaft, die er beschrieb. Mit der Zeit wurden Werke veröffentlicht, die von Schriftstellern stammten, die das Land, das sie beschrieben tatsächlich kannten. Unter den Schriftstellern und Dichtern Palästinas und Israels herrschte eine ganz andere Stimmung vor: sie zeigten das wirkliche Land als Gegenstück zum mythischen Land der Vorstellung. Schriftsteller wie Abraham Schlonsky schrieben Loblieder auf des Jesreel Tal, das in seinen fähigen und phantasievollen Händen fast ein Eigenleben zu führen begann. Heute setzt Meir Shalev diese Tradition auf eine nüchternere Art fort. S. Yitzhar beschrieb das Land mit atemlos aufeinander folgenden Eigenschaftswörtern, in langen Folgen schwindelerregender Landschaftsbeschreibungen.

Auch bildende Künstler standen im Mittelpunkt dieses Prozesses. Künstler wie Nachum Gutman und Ruben Rubin spielten eine bedeutende Rolle. Sie benutzten verschiedene Techniken - inklusive Kombinationen von dokumentierender Kunst und spielerisch idealisiertem Primitivismus - die bis heute populär geblieben sind. Mit der Wegbewegung der Kunst von den primitiven Formen des Realismus und der steigenden Tendenz zum Abstraktivismus kann argumentiert werden, dass ihre Fähigkeit, die emotionale Kraft des Landes zu transportieren, abnahm, obwohl viele Maler weiterhin primäre Farben des Landes als zentrales Element ihrer Arbeiten benutzten.

Ähnlich ist auch in der israelischen Literatur und Musik der Sinn für einen Ort sehr stark ausgeprägt. Viele Gedichte und Lieder feiern spezifische Orte, als ob die physischen Bande mit dem Land, das so viele Jahre verloren war, gestärkt werden müssten. Viele Gedichte fangen detailreich eine besondere Sicht ein. Ein perfektes Beispiel ist Rachels Gedicht "Scham Harei Golan" - Dort sind die Golanhöhen. Es beschreibt ein Stück Landschaft mit soviel Liebe zum Detail, dass es noch heute, 80 Jahre später, möglich ist, den genauen Ort zu finden, an dem sie das Gedicht schrieb.

Einige bewegten sich von der Idealisierung des Landes weg zu einer - wie es manche nennen - götzendienerischen Annäherung. Das waren die Schriftsteller und Künstler der "Kanaanitischen Bewegung", die in den späten 1940er Jahren ihren Höhepunkt erreichte. Die Bewegung gründete sich auf eine Gruppe Intellektueller, die aus den Diasporawurzeln des Landes ausbrechen und ihre Wurzeln nur in der Erde des Landes, auf dem sie lebten, suchen wollten. Sie "verehrten" das Land mit geradezu heidnischer Intensität. Ihre Vorbilder kamen aus der fernen Vergangengheit des Landes Kanaan und sie produzierten einige interessante und künstlerisch wichtige Aussagen über ihr neues Zugehörigkeitsgefühl. Berühmt ist das Werrk des Bildhauers Jitzhak Danziger, vor allem seine Statue "Nimrod", seine Beschreibung des heidnischen Jägerhelden.

Auch die Photographie feierte und stärkte das Band zwischen Volk und Land mit Photos und Filmen. Diese Kunstform entwickelte sich jedoch gleichzeitig in zwei Richtungen. Einige Photographien entwickelten ein mythisches Bild der Landschaft - entweder menschenleer und karg oder fruchtbar und erneuert. Einige der alten halbdokumentarischen Filme der 1930er Jahre - wie "Sot hi Haaretz" - Das ist das Land und "Avoda" - Arbeit - zeigen beide Blickwinkel: die Verwandlung von der verlassenen Öde in eine im Überfluss blühende, wasserreiche Landschaft, mit beinahe messianischen Begriffen und mit himmlischen Chören im Hintergrund. Andererseits zeigten Photos und Filme die physische Realität und fingen das wahre Aroma des Landes und seiner Menschen ein.

Im Laufe der Zeit gab es einen klaren Trend weg vom Mythos hin zur realen Einschätzung des Landes, obwohl einige Künstler gelegentlich andere Richtungen einschlugen. Die wahrscheinlich bedeutendste Entwicklung ereignete sich nach dem Sechs Tage Krieg 1967, als Jerusalem und das biblische Kernland des alten Israel unter israelische Kontrolle kamen. Als Israelis ekstatisch begannen, die neuen Gebiete zu füllen, entstand eine neuer, unwiderstehlicher Mythisierungsprozess, als ob bloss die Namen und Orte des antiken Israel die Macht hätten, bei vielen israelischen Juden die tiefsten emotionalen Reaktionen auszulösen. Die Wirkung auf die israelische Gesellschaft war tief und umfassend.

Zum Schluss soll die israelische Reaktion auf die Archäologie untersucht werden. In den frühen Jahren des Staates betrachteten viele die Archäologie mit einer Art Glauben, wie eine Religion. Die Leidenschaft, die Vergangenheit des Landes zu enthüllen, überstieg bei weitem das akademische Interesse, dass archäologische Grabungen im allgemeinen hervorrufen. Das war klar mit dem existentiellen Bedürfnis der Israelis verbunden, ihre Bande mit dem Land zu stärken und zu "beweisen", dass sie tatsächlich hier ihre Wurzeln hatten. Im heutigen Israel ist diese Leidenschaft abgekühlt. Das Interesse an Archäologie ist immer noch gross und archäologische Stätten und Museen ziehen weiterhin viele heimische Besucher an. Aber die Suche der modernen Israelis nach ihren Wurzeln ist schwächer als jene der vorhergehenden Generation.

>Jerusalem


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