"Verwestlichung"
ist ein komplexer Begriff, dessen genaue Bedeutung sich je nach
Standort ändert. Ein Amerikaner mag bei Begriffen wie "orientalisch"
oder "östlich" an Japaner oder Koreaner denken,
Israelis denken an Marokkaner, Jemeniten oder Iraker. Das Wort
"westlich" hat in Israel zwei Bedeutungen, aber eine
ist mehr und mehr dominierend.
In
Israel, dessen Haupttrennungslinie ethnisch ist, bezieht sich
ein grosser Teil der Relevanz des Wortes "westlich"
auf Osteuropa - der Heimat der aschkenasischen Juden - als der
westliche Teil der Linie. "Westlich" bedeutet die
Anfänge des Zionismus, das osteuropäische Zentrum
und - zu einem geringeren Grad - Westeuropa, das Zentrum des
Herzlschen Zionismus und der täglichen zionistischen Politik.
Als der Jischuw eine Identität annahm, die ihn gegenüber
dem arabischen Osten und den von dort kommenden Juden definierte,
war der osteuropäische Charakter der Gesellschaft absolut
klar. Es wurde bereits erwähnt, dass die frühen zionistischen
Einwanderungswellen völlig vom osteuropäischen Hintergrund
der Olim dominiert waren und ihre Lebensart als Revolte gegen
das osteuropäische Judentum erklärten. Aber ein solcher
Einfluss konnte nicht so einfach verworfen werden.
Das
Essen, das die Neuankömmlinge gewohnt waren, stammte aus
Osteuropa, wie die Melodien, die sie liebten oder die Schriftsteller,
die sie beeinflussten. Die Gesellschaft, die sich im Jischuw
entwickelte, unterschied sich in der Tat vom Leben, das sie
gekannt hatte, aber sie blieb europäisch: auf dem Programm
eines klassischen Konzertes standen Beethoven und Tschaikovsky,
und nicht die klassischen Lieder von Um Kulthoum. Eine frühe
Besonderheit des kulturellen Lebens in Tel Aviv war das Opernhaus.
The Hebräische Universität, die 1925 stolz eröffnet
wurde, war nach einem westlichen Studienprogramm strukturiert.
Dasselbe Phänomen ist auf verschiedene Gebiete anwendbar.
"Westlich" bedeutete osteuropäisch oder einfach
europäisch.
Die
Lage hat sich jedoch geändert. Trotz der demographischen
Verstärkung durch etliche hunderttausend aus Osteuropa
in den letzten Jahrzehnten, wird das Wort "westlich"
heute unterschiedlich übersetzt: es bezieht sich jetzt
auf Amerika und die englischsprachige Welt. Das Wort "Amerika"
übt auf viele Israelis diesselbe fast magische Anziehungskraft
aus wie auf die Millionen Emigranten aus dem zaristischen Russland,
die den Zionismus verschmähten und eine andere Richtung
einschlugen. Es ist eine Ironie, dass das Wort "westlich"
für viele Israelis diesselbe geographische Realität
heraufbeschwört wie für ihre Urgrosseltern, trotz
der zwischenzeitlichen osteuropäischen "Verwestlichung".
Es
gibt noch eine andere Ironie. Während das Leben der frühen
zionistischen Einwanderer vom Westen (Europa) beeinflusst war,
würden sie der Verlockung der "Verwestlichung"
widerstanden haben. Es war ihr ideologisches Interesse, ihre
eigene, authentische und originale hebräische Kultur zu
schaffen, und keine Kopie jener anderer Orte. Daher hätten
sie sicherlich das Konzept des Westens (Europa) zur Nacheiferung
als Kulturmodell zurückgewiesen, obwohl sie genau das in
einem hohen Masse taten. Im Gegensatz dazu ist es die Haltung
eines erheblichen Teiles der israelischen Bevölkerung,
dass Amerika das Modell ist für die Nacheiferung sei, und
je mehr, desto besser für Israel.
Eine
eng verbundene Entwicklung bezieht sich auf den Niedergang der
vorherrschenden kollektiven Kultur, die mit dem frühen
Zionismus assoziiert wird. Das höchste Ziel war das Wohl
der Gesellschaft, des Staates und des Kollektivs. Die Menschen
sollten für das Wohl des Kollektives arbeiten, und individuelle
Ziele wurden als verdorben betrachtet. Es war dekadent, individuelle
Bequemlichkeit zu suchen oder individuelle ästhetische
Werte zu preisen. Jedes Bestreben musste in den Begriffen des
kollektiven Vorteils formuliert werden. Politiker, die ein Amt
aus perönlichem Ehrgeiz annahmen, wurden in einem negativen
Licht betrachtet. Wie Moses sollten sie durch eine höhere
Macht - die Bedürfnisse des Kollektivs - in das Amt gestossen
werden.
Ein
wunderbarer Film, der diese Spannungen in der israelischen Gesellschaft
der frühen 1950er Jahre zeigt ist "Noa mit 17"
(1981). Die Handlung läuft vor dem Hintergrund der ideologischen
Veränderungen der 1950er ab und der Desillusionierung der
Pioniergeneration mit einigen der Prinzipien, von denen sie
jahrzehntelang geleitet worden waren. Der Hauptcharakter des
Films ist Noa, die Tochter einer Familie, die in diesem Prozess
gefangen ist. Im Innersten ist sie eine Individualistin, die
das gesamte kollektive Ethos der Gesellschaft - repräsentiert
durch die Kameraden in der sozialistischen Jugendbewegung -
herausfordert. Sie sagen "Wir", Noa sagt "Ich".
Sie reden über "Pflicht", Noa redet über
"Schönheit". Sie reden über "Liebe
zum Land", Noa über persönliche Liebe. Das Konzept
dieses ausgezeichneten Filmes ist klar: Lob für Individualismus
und weniger für Kollektivismus, aber seine Grenzen ausloten.
Es bleibt die Frage, welche Zeitperiode der Film wirklich reflektiert:
ist es ein Film über die frühen Fünfzigerjahre,
in denen die Geschichte spielt, oder über die frühen
Achtzigerjahre, in denen der Film produziert wurde.
Ein
anderer Film greift auf unterschiedliche Weise dasselbe Thema
auf: der preisgekrönte Film "Late Summer Blues"
(1987). Er erzählt die Geschichte einer Gruppe israelischer
Teenager, die im Schatten des Zermürbungskrieges gegen
Ägypten im Jahr 1970 die Schule beenden. Der Krieg forderte
einige hundert Todesopfer am Suez Kanal. Die Teenager versuchen
- jeder auf seine Weise - mit den Erwartungen der Gesellschaft
und den eigenen persönlichen Bedürfnissen fertig zu
werden. Der Film untersucht die Wechselwirkungen zwischen dem
Persönlichen und dem Nationalen, und die Weise, wie jedes
Individuum mit potentialen und wirklichen Widersprüchen
zwischen beiden umgeht. Klar beschrieben werden auch der Sog
des Individualismus und die Amerikanisierung der israelischen
Gesellschaft in den Jahren nach 1967.
Das
waren beträchtliche Veränderungen in der israelischen
Kultur. Wie sind sie zustande gekommen? Wie verdrängte
Amerika Europa (Osteuropa) als israelisches Konzept vom "Westen"
für einen so grossen Teil der Bevölkerung? Wie wurde
der Westen (Amerika) ein idealisiertes Modell für "Verwestlichung"?
Und wie kam es zum Übergang des kollektiven Ethos zum individuellen?
Es
ist immer schwierig und auch riskant, lange und komplexe Prozesse
sozialer Veränderungen an einem Schlüsseldatum festzumachen.
Trotzdem ist es möglich, zu postulieren, dass das Jahr
1967 sicherlich den bedeutendsten Augenblick der Veränderung
in der israelischen Kultur darstellt. Damals öffnete sich
das Land mehr als je zuvor dem Ideal und der Realität Amerikas.
Der Prozess hatte ein wenig früher begonnen: Dokumentarfilme
zeigen Diskotheken und Tanzclubs, die es in den wichtigsten
Städten schon vor dem Krieg gab. Aber der Krieg war die
Ursache für verschiedene Veränderungen.
Erstens
stärkte das aus dem Krieg resultierende Wirtschaftswachstum
eine sich entwickelnde Verbraucherkultur. Es gab mehr zu kaufen
und mehr Geld. Das war wichtig in einer Gesellschaft, in der
vorher in weiten Teilen eine ziemlich spartanische Haltung vorherrschend
gewesen war. Geld wurde für nationale Aufgaben ausgegeben
und nicht für persönlichen Komfort. Viele der neuen
Güter, die den Konsumhunger stillten stammten aus Amerika,
aber auch die Verbraucherkultur war zum Grossteil mit Amerika
und dem Westen assoziiert.
Eine
bedeutende Parallele tauchte in der Entwicklung der Jugendkultur
auf, die sich stark von der Jugendkultur der Pioniere unterschied,
die von sozialistischen, kollektiven Werten beherrscht worden
war. Die Jugend tendierte zum Individualismus und erhielt immer
mehr Unterstützung von der allgemeinen Gesellschaft, obwohl
sie von den Führern und "moralischen Richtungsweisern"
des Landes als dekadent verschrien war. Im Westen wurde das
Haar der Männer länger und ein neuer Narzissmus war
in der Kleidung beider Geschlechter sichtbar. Grosse Teile der
Jugend wurden von der Rockmusik im Sturm erobert. Eine milde
Drogenkultur entwickelte sich. Nochmals, alle diese Elemente
der Jugendkultur wurden mit dem Westen verbunden, vor allem
mit Amerika.
Vielleicht
wäre es auf jeden Fall zu diesen Veränderungen gekommen,
aber in der israelischen Gesellschaft waren "Veränderungsagenten"
am Werk, die den Weg ebneten. Dazu gehörte die grosse Gruppe
jüdischer Freiwilliger, vor allem aus englischsprachigen
Ländern, die nach dem Krieg von 1967 das Land überfluteten
und in den Kibbutzim und Moshavim arbeiteten. Der Einfluss dieser
Gruppe war weitreichend. Sie bestand aus einer Mischung von
Alt und Neu: einerseits war sie sich ihrer jüdischen Identität
bewusst und stark zionistisch: sie kam ins Land wegen der Sogwirkung
der kollektiven Gesellschaft. Aber die Gruppe bestand aus Individuen,
von denen viele vin der Jugendkultur des Westens beeinflusst
waren. Sie sahen westlich aus und kleideten sich westlich, sie
waren eine lebendige Repräsentanz des Westens.
Die
ältere Generation nahm sie freudig auf. Sie kamen aus der
Diaspora, aber sie repräsentierten nicht das alte Konzept
des Galut, das der Zionismus verworfen hatte. Sie waren keine
osteuropäischen Juden, die Bialik und andere so eloquent
verurteilt hatten, sondern junge, freie Juden, die in der Diaspora
lebten, sich dort zu Hause fühlen konnten, aber auch mit
Israel, Zionismus und Idealismus verbunden waren. Ihre Art mochte
vielen Vertretern der älteren Generation seltsam vorkommen,
aber sie wurden trotzdem positiv betrachtet. Auch die jüngere
Generation akzeptierte sie voller Freude, wenn auch aus teilweise
konträren Gründen: sie waren "cool", hatten
langes Haar und hörten Rockmusik. So betrachtete man einige
tausend junge Leute aus verschiedenen Gründen als positive
Rollenmodelle.
Ihr
Einfluss - und jener ihrer Ursprungsländer - war tief.
Sie vertraten die Ideen "Freiheit von" und Freiheit
zu", die bereits seit einiger Zeit unter der Oberfläche
gärten. Viele junge Israelis durchbrachen freudig die Schranken
eines puritanischen Establishment, dessen Vokabular Wörter
wie "Pflicht" und "Aufgabe" betonte. Viele
Jugendliche erkannten die Kluft zwischen den hohen Idealen ihrer
Gesellschaft und dem Verhalten einzelner, die eine solche Sprache
verwendeten, um persönliche Gier und individuellen Ehrgeiz
zu verbergen. Es würde ein Jahrzehnt dauern, bis sich diese
Spannungen entluden und das alte Mapai-Establishment nach zwei
Generationen der Dominanz und Herrschaft abgesetzt werden würde.
Ein
weiterer "Veränderungsagent" war die Ankunft
des Fernsehens, das 1968 in Israel mit Übertragungen begann,
was langsam das Fenster in eine weitere Welt öffnete und
mit visuellen Informationen aus dem Westen versorgte. Das Kino
hatte lange eine Rolle für die Formung der nichtreligiösen
Gesellschaft in Israel gespielt, aber der Einfluss des Fernsehens
war noch grösser: hier gab es etwas, das Abend für
Abend gesehen werden konnte, hier konnten Phantasien im Wohnzimmer
gepflegt werden.
Es
dauerte Jahrzehnte, bis sich das Fernsehen von den Einflüssen
des Establisments, von dem es auf die Welt gebracht worden war,
befreien konnte. Dies geschah Schritt für Schritt: zuerst
in Schwarz-Weiss, dann in Farbe, zuerst erster Kanal, dann zweiter,
dann Kabelfernsehen. Blicke auf den Westen wurden zur Alltäglichkeit.
Das Amerika, das jeden Tag in den israelischen Wohnzimmern dargeboten
wurde, war attraktiv im Vergleich zur Lebensroutine im jüdischen
Staat. Mit der Vervielfachung der Kanäle und Sender war
Israel immer mehr der Werbung ausgesetzt, die in ihrer visuellen
Raffinesse umso verführerischer wirkte.
Der
Trend zum Individualismus, der so stark mit dem Einfluss amerikanischer
Kultur verbunden ist, ist so umfassend, dass es - wie vorhersehbar
- unmöglich ist, die bedeutendste Figur, die ihn repräsentiert,
auszuwählen. Jeder Versuch, repräsentativ zu sein,
endet mit langen Listen von auf vielen Gebieten kreativen Menschen.
Wir wollen uns daher auf einen Film, ein Lied und einen Schriftsteller
beschränken.
Der
Schriftsteller ist Etgar Keret, ein superber Interpret der kleinen,
schrulligen Ecken des israelischen Lebens und der israelischen
Seele. In einer Reihe sehr kurzer, manchmal eigenwilliger und
manchmal einer Parabel ähnlicher Geschichten, beschreibt
Keret Szenen aus der israelischen Realität, die eigentlich
universal sind.
Das
Lied ist Si Heimans ausserordentlich bewegende Mitt-1990er Version
des Liedes ihres Vater Nahum, "Kmo Zemach Bar". Jahrzehnte
zuvor hatte Chava Alberstein dieses Lied, das zu Israels schönsten
gehört, geradlinig und berührend gesungen. Aber Si
Heimans Interpretation, die eine neue Generation repräsentiert,
bereichert die schöne Melodie mit einem seelenvollen, bluesähnlichen
Charakter, den das Original nicht besessen hatte. Die Distanz
zwischen den beiden Versionen zeigt die Strecke, die Israel
im Laufe einer Generation zurückgelegt hat.
Der
Film ist "Broken Wings" - Gebrochene Flügel -
preisgekrönt und einer der schönsten Filme der letzten
Jahre. Er zeigt die Geschichte einer Familie, die nach dem Tod
des Vaters und Ehemannes wieder zu Kräften kommen muss.
Es ist bemerkenswert, dass der Mann nicht heroisch im Krieg
fällt oder das Opfer einer anderen "nationalen"
Sache ist: sein Tod hat eine viel banalere Ursache - einen Bienenstich.
Der Film beschreibt wirkliche Menschen, die in der entfremdenden
Routine einer anonymen Großstadt - Haifa - leben. Der
Film ist einerseits sehr intensiv israelisch, andererseits jedoch
eindringlich universal druch seine Behandlung von Beziehungen,
dem Bedürfnis nach Liebe und dem Kampf um ein normales
Leben in einer rauhen sozialen Wirklichkeit.
Diese
drei symbolisieren das neue Israel. In weiten Teilen der Gesellschaft
wurden frühere Modelle und Werte auf entsprechende Weise
durch amerikanischen Individualismus ersetzt.
>Zusammenfassung