Die
Araber sind die "anderen" im jüdischen Israel.
Das ist nicht, was sich die frühen Zionisten vorstellten.
Sie pflegten diesen Teil der Bevölkerung zu ignorieren,
gaben ihnen einen bunten, aber unbedeutenden Platz im Hintergrund
der israelischen Landschaft, in der sich ausserordentliche Dinge
abspielten. Jene, die wie Theodor Herzl in den frühen Tagen
der Bewegung an die Araber dachten, waren überzeugt, dass
die Vorteile, die der Zionismus dieser rückständigen
Region - wie sie von vielen Juden bereits betrachtet wurde -
bot, von der lokalen Bevölkerung dankbar angenommen werden
würde. Die Araber würden dann glücklich in die
Zukunft marschieren, gemeinsam mit den Juden, einem zionistischen
Sonnenuntergang entgegen.
Einige
hatten sicherlich eine andere Vision. Achad Ha'am erkannte die
Schwierigkeiten und kritisierte seine Gegner in der zionistischen
Welt, aber er konnte als permanenter Pessimist abgetan werden.
Auch Ze'ev Jabotinsky, der Vertreter der Generation nach Achad
Ha'am, lehnte es ab, sich der vorherrschenden Vision vom Happy
End zu beugen. Auch er wurde von vielen wegen seiner militaristischen
Einstellung und seiner Bewunderung für gewisse Aspekte
des italienischen Faschismus abgetan. Die Zionisten dachten
weiterhin optimistisch und vertrauten darauf, dass sie mit der
Zeit die Opposition überwinden und dass die beiden kämpfenden
Seiten druch Frieden vereint würden.
Es
gibt eine interessante, für diese Diskussion relevante
Szene im Film "Es waren zehn" (1960). Der Film behandelt
das Schicksal von einer Pioniersgruppe im späten 19. Jahrhundert
und den Problemen der neuen Siedler mit den lokalen Arabern.
Mit dem Kauf des Landes erwerben sie auch das Recht, dass Wasser
aus einer Quelle zu nutzen, die sich im nahen Araberdorf befindet.
Die Araber wollen die Siedler dort nicht und machen es unmöglich,
zum Wasser zu gelangen. Die Juden müssen das Wasser in
der Nacht holen. Nach einer Konfrontation mit Hirten, die ihre
Schafe absichtlich über die frisch gepflügten Felder
der Siedler treiben, kommt es zu einem Streit unter den Juden,
welche Politik sie verfolgen sollen. Einige glauben an Beschwichtigung
und sind damit zufrieden, das Wasser weiterhin in der Nacht
zu schöpfen. Andere argumentieren, die einzige Antwort
sei Gewalt: "Sie verstehen nur Gewalt". Der Disput
führt zu einer Diskussion über die Notwendigkeit,
in Eretz Israel einen neue Art Juden zu schaffen: einen, der
keine Angst hat vor seinem eigenen Schatten und der bereit ist,
sich zu verteidigen, nicht weil er gerne kämpft, sondern
weil er sich nicht fürchtet, seine Rechte durchzusetzen.
Das
ist eine aufschlussreiche Szene, denn sie spricht in einem Mikrokosmos
ein bereits seit Jahrzehnten existierendes Argument an. Heute,
mehr als 40 Jahre nach der Veröffentlichung, ist die Szene
ein faszinierender Einstieg in die Diskussion, die wahrscheinlich
das Hauptthema der heutigen israelischen Gesellschaft ist: was
tun mit den Arabern? Israel ist heute viel weniger optimistisch
als 1960, es ist auch viel weniger naiv als zu der Zeit, in
der der Film spielt. Den Film heute zu sehen ist eine ausserordentliche
Erfahrung, denn er konzentriert sich auf die Interaktion zwischen
den drei verschiedenen Zeitabschnitten, jede mit ihrem eigenen
Blickwinkel und jede ein bisschen weniger optimistisch als die
vorhergehende.
Die
israelischen Araber verschwinden nicht in den Hintergrund und
sind eine immer präsente Realität im modernen Israel.
Es ist wichtig zu betonen, dass die Araber ungefähr 20
Prozent der Bevölkerung ausmachen.
Die
Araber sind die "anderen" in Israel, nicht nur demographisch
gesehen. Sie sind auch ein bedeutender Faktor in der immer aktuellen
fixen Idee des Landes, gleichzeitig eine Quelle der Furcht und
der Faszination. Einer der ersten, die dies bemerkten und in
ihren Werken behandelten, war der junge Amos Oz. In seinem ersten
Buch, dem 1960 erschienen "Wo die Schakale heulen",
nehmen Araber einen zentralen Platz in den Phantasien seiner
israelischen Protagonisten ein. Die Geschichte "Nomade
und Viper" zum Beispiel, beschreibt, dass Araber als gefährlich,
bedrohend und auf verführerische Weise attraktiv gesehen
werden. Sein früher Roman "Mein Michael" untersucht
dasselbe Thema: die in einer mittelmässigen Ehe gefangene
Heldin sehnt sich nach Tiefe und Erregung, die ihr nur die Araber
in ihrer Phantasie gewähren können. Eine neuere Geschichte
ist Savyon Liebrechts wunderbare Erzählung "Zimmer
auf dem Dach". Sie liefert diesselbe Botschaft, in einer
Sprache, die auf die feinsten Nuancen der problematischen Interaktion
zwischen Juden und Arabern in Israel reagiert.
Die
frühen Schriftsteller hatten die Tendenz, die Araber zu
romantisieren. Sie betrachteten sie und vor allem die Beduinen,
als exotische Modelle für den neuen Juden, den der Zionismus
anstrebte. Schriftsteller wie Moshe Smilansky und Yitzhak Shemi
schrieben von "Tausend und einer Nacht" beeinflusste
moderne Phantasien über die arabischen Einwohner der Region.
Sie beschrieben sie oft als Menschen von Ehre, zu Hause in der
Natur, mit keinem der Fehler der Stadtmenschen behaftet. Diese
auf Hebräisch geschriebenen Geschichten enthalten oft keinen
einzigen jüdischen Charakter. Aber es ist nicht schwierig,
zwischen den Zeilen den Juden zu entdecken, um den sie so besorgt
waren.
Um
dies zu verstehen, genügt es, Photos der frühen Mitglieder
der Shomer Bewegung zu betrachten, der ersten jüdischen
Selbstverteidigungsorganisation im Land. Zu Pferde oder stehend,
ist das wirklich interessante Element dieser Photos die Kleidung:
eine Mischung zwischen Kosaken und Beduinen. Sie sind so stolz
und - rückblickend gesehen - so naiv. Die Exotik der Araber,
zu Hause in der Natur und eins mit ihr, noch nie von der Zivilisation
verdorben, war ein attraktives Bild für alle, die das Konzept
des neuen Juden vertraten, das zentrale Bild in den zionistischen
Schriften des frühen 20. Jahrhunderts.
Zeit
und Konflikt jedoch würden dieses Bild bald mit unterschiedlicher
Bedeutung überlagern. Das Bild des Arabers als grausamer,
skrupelloser Feind entwickelte sich in den 1920er und 1930er
Jahren als die Araber rebellierten. Das Bild des Arabers als
Opfer, das man bemitleiden muss, entwickelte sich aus dem bahnbrechenden
Werk S. Yitzhars, zum Beispiel aus der 1949 entstandenen Erzählung
"Der Gefangene", die aber erst 30 Jahre später
von einem breiteren Publikum angenommen wurde. Die Brillianz
vin Savyon Liebrechts Erzählung "Zimmer auf dem Dach"
ist es, dass es ihr gelingt die verschiedenen Ebenen in einer
subtilen Parabel über die komplexe Beziehung zwischen Juden
und Arabern zu vereinen.
Im
israelischen Kino herrscht seit den 1980er Jahren das Bild des
Arabers als Opfer vor. "Chamsin" (1982) zeigt die
Spannungen zwischen Juden und Arabern in Galiläa, als sich
die Armee zur Requirierung arabischen Landes entschliesst. "Nadia"
(1986) porträtiert den Kampf eines arabischen Mädchens
aus Galiläa, das versucht, eine bessere Erziehung zu erhalten
und daher ein israelisches Internat besucht. Einige der israelischen
Figuren im Film werden als hart geschildert, auch die besseren
unter ihnen sind unempfänglich für die Misere der
Araber in Israel. "Hinter den Mauern" (1986) ist ein
preisgekrönter politischer Film, der Israelis und Araber
als Opfer eines manipulativen Establishments zeigt, das es vorzieht,
die schwierige Situation durch eine Politik des "Teile
und Herrsche" in die Länge zu ziehen. "Das Lächeln
des Lammes" (1986), eine Adaption von David Grossmans Roman,
lässt grosse Sympathie für die Palästinenser
erkennen und stellt die Idee der israelischen Herrschaft in
den besetzten Gebieten in Frage.
"Fingierte
Heirat" (1988) ist ein ziemlich unplausibler Film über
einen israelischen Geschäftsmann, der aus seinem bisherigen
Leben aussteigen will und durch eine Reihe von Zufällen
eine neue Identität als taubstummer palästinensischer
Bauarbeiter annimmt. Der Film schildert Araber als Opfer israelischer
Verdächtigungen und Stereotypen. Ein weiterer interessanter,
preisgekrönter Film ist "Avanti Popolo" (1986)
verwendet dieses Bild sehr klug. Als Shylocks berühmte
Rede "Ich bin ein Jude: Haben Juden keine Augen ..."
in den Mund eines ägyptischen Soldaten gelegt wird, der
in seinem bürgerlichen Beruf Schauspieler in Shakespearstücken
ist, wird der Fim zur Parabel: der Araber hat nun den Juden
als Opfer ersetzt.
Als
Resultat der von palästinensischen Fundamentalisten verübten
Terroranschläge und der Last der beiden Intifadas, hat
sich der israelische Film von den arabisch-israelischen Spannungen
und der Politik im allgemeinen distanziert.
Ein
weiteres Element, dass nicht übersehen werden darf, ist
der bedeutende Beitrag arabischer Künstler zum israelischen
Kulturleben. Dieser Beitrag wird in drei Sphären geleistet.
Eine Reihe israelischer Araber haben innerhalb des israelisch-jüdischen
Kontexts der breiteren Kulturszene einen individuellen Beitrag
geleistet. Als Beispiel seien Theater- und Filmschauspieler
wie Salim Dau, Mukammed Bakri, Salma Nakara und Makram Khouri
angeführt, die in der israelischen Öffentlichkeit
wohlbekannt sind. Es ist interessant, dass sie nicht nur arabische
Rollen verkörpern. So spielt zum Beispiel Makram Khouri
in "Das Lächeln des Lammes" einen israelischen
Militärgouverneur spielt, während Hannah Azoulai-Hasfari
in "Nadia" die Titelrolle verkörpert.
Arabische
Schauspieler haben es innerhalb der israelischen Film- und Theaterszene
schwer. Ein arabischer Schauspieler, der Abend für Abend
vor einem vorherrschend jüdischen Publikum auftritt, kann
in Widersprüche bezüglich der problematischen Beziehungen
zwischen der arabischen Bevölkerungsgruppe und der grösseren
Einheit des zionistischen Staates geraten. Dau hat vor kurzem
bekannt, dass seine Arbeit für ihn während der zweiten
Intifida immer schwieriger wurde. Bakri hat dasselbe zu verstehen
gegeben.
Viele
arabische Künstler haben an einem kulturellen Dialog mit
israelischen Künstlern teilgenommen. Ein Beispiel ist die
kürzliche Renovierung des Wadi Nisnas Viertels in Haifa.
Gemälde und Wandgestaltungen mit mediterranen Szenen und
Skulpturen aus Stein und Metall wurden durch die Kooperation
von 100 jüdischen und arabischen Künstlern gestaltet.
Einige
israelische Araber haben eine arabische Perspektive in ihr Werk
eingeführt. Sie arbeiten individuell innerhalb des Rahmens
der israelischen Kultur und drücken ihren Standpunkt aus.
Bedeutend sind vor allem die Schriftsteller Anton Shammas und
Emil Habibi. Ihre in hebräischer Sprache verfassten Werke
drücken die Erfahrungen der Araber in Israel aus und werden
von israelischen Lesern gut angenommen. Diese Schrifsteller
verwenden Instrumente der israelischen Kultur und besitzen ihre
eigene künstlerische Ausdruckskraft. Ihr Beitrag unterscheidet
sich somit von dem arabischer Schauspieler, die an von Juden
geschaffenen Projekten mitarbeiten. Es gibt aber auch einige
ausserordentliche arabische Schauspieler, die in Einpersonenstücken
auftreten und so ihre individuelle Sichtweise präsentieren.
In
der israelischen Musik hat sich in den letzten Jahrzehnten ein
interessantes Phänomen entwickelt. Durch die internen ethnischen
Anpassungen zwischen aschkenasischen und sephardischen Juden,
haben lokale Musiker aufgehört, sich ausschliesslich auf
westliche Modelle zu verlassen. Das Ergebnis sind nahöstliche,
arabische Motive, die in der lokalen Popmusik dominieren. Diese
musikalischen Einflüsse durchdrangen die israelische Musikszene
zuerst durch die frühen orientalisch-jüdischen Sänger.
Um vom israelischen Durchschnittspublikum akzeptiert zu werden,
sangen sie auf Hebräisch und verwoben populäre westliche
und mediterrane Stilformen.
In
den frühen 1990er jahren begannen einige Musiker in arabische
Musikstile zu wechseln, da die arabische Sprache immer mehr
akzeptiert wurde. Einige israelische Musiker arbeiteten mit
der klassischen arabischen Tradition, ein Beispiel ist Zehava
Ben. Nach dem erheblichen Erfolg ihrer türkisch inspirierten
hebräischen Musik, präsentierte sie eine Reihe von
Konzerten in arabischer Sprache, in denen sie die Lieder des
grossen ägyptischen Sängers Um Kulthoum sang. Die
Konzerte wurden auch von der arabischen Bevölkerung angenommen.
In einem parallelen Trend veröffentlichten orientalisch-jüdische
Sänger CDs mit arabischer Tanzmusik.
Ein
völlig unterschiedlicher musikalischer Trend begann seine
Entwicklung ebenfalls in der Mitte der 1990er Jahre. Angeregt
durch die neue optimistische Atmosphäre der Koexistenz
in den Jahren unmittelbar nach den Osloer Verträgen, bildeten
sich etliche Gruppen, die aus jüdischen und arabischen
Musikern bestanden. Sie spielten eine neue Art israelischer
Musik, eine Verbindung zwischen westlichen und arabischen musikalischen
Einflüssen. Als der Optimismus zu schwinden begann, lösten
sich die meisten Gruppen auf. Eine Gruppe jedoch überlebte
und wird in Israel wie in Europa gleichermassen gefeiert. "Bustan
Avraham" (Abrahams Garten) produzierte faszinierende Instrumentalmusik,
mit deren Hilfe das israelische Publikum in das Potential arabischer
Musik eingeführt wurde.
Die
problematische israelische Beziehung zu den Arabern im allgemeinen
und den israelischen Arabern im besonderen wird auch in Zukunft
weitergehen. Ob das arabische Thema an der Spitze der israelischen
Kultur erscheint, wird davon abhängen, wie optimistisch
oder wie pessimistisch die israelische Gesellschaft ist. Die
Richtung, die die kreative Ausdruckskraft einschlagen wird,
hängt stark von der Richtung der allgemeinen Beziehung
ab.
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in Israel