Kultur in Israel

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Es ist ein Gemeinplatz, dass Israel ein Einwanderungsland ist: das war die einzige Möglichkeit, die jüdische Bevölkerung in nur 120 Jahren von 25.000 auf 5,25 Millionen zu vermehren.

Zionismus basiert fast zur Gänze auf einer Ideologie der Einwanderung. Das simultane Leeren der Diaspora und das Auffüllen des alten/neuen Heimatlandes war eine tapfere, einzigartige Idee, von der fast jeder dachte, sie sei von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Die Wahrheit ist, dass der Zionismus - in dieser ersten Phase - über die kühnsten Träume seiner Gründer hinaus erfolgreich war. Israel rühmt sich heute der zweitgrössten jüdische Bevölkerung weltweit (nach den USA). Nach demographischen Hochrechnungen wird es nicht viele Jahre dauern bis es das grösste jüdische Zentrum wird. Es wird geschätzt, dass Juden aus mehr als hundert verschiedenen Ländern im modernen Israel eine Heimat gefunden haben. Für diesen ausserordentlichen Erfolg wurde aber ein hoher Preis bezahlt, wie dieses Kapitel zeigen soll.

Der Zionismus hat seine Wurzeln im Europa des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: nur das ideologische Ferment, das durch den seltsamen Zusammenfluss von nationalistischen und sozialistischen Kräften entstand, konnte eine so idealistische Bewegung hervorbringen. Die frühesten Anhänger glaubten inbrünstig, sie besässen den Entwurf für eine bessere Welt für die Juden - und eigentlich für die ganze Menschheit. Die ersten Generationen des Zionismus verfolgten ihr Ideal mit leidenschaftlichem Eifer - untermauert von einer nichtreligiösen Version von Jesaiahs "Licht unter den Völkern" - und versuchten, ein abstrakte Garnitur von Prinzipien in wirkliches Leben zu verwandeln. Ohne diese Inbrunst wäre ein solch unmögliches Unternehmen zum Scheitern verurteilt gewesen. Es war die Begeisterung - der Fanatismus - der treuen Zionisten, die es der jungen Gesellschaft ermöglichte, zu wachsen und sich zu entwickeln. Aber es war unabwendbar, dass eine mit solcher Leidenschaft entstandene Gesellschaft keine Achillesferse haben sollte.

Mit der Begeisterung und dem Antrieb kam jedoch eine beschränkte Sichtweise, die akzeptabel war, solange die Majorität der Jischuwbevölkerung dieselben Ideale teilte. Aber im Zionismus liegt ein innerer Widerspruch. Diese moderne nationalistische Ideologie hatte sich durch den Zusammenfluss von nur in Europa existierenden Kräften entwickelt. Der Kern war die Idee, dass Juden aus aller Welt die neue Gesellschaft oder den Staat bevölkern sollten. Als dies nach der Gründung des Staates Israel begann, war die Bühne für einen tiefen Konflikt bereitet.

Eine der ersten Entscheidungen des jungen Staates war die Öffnung seiner Tore für die jüdische Einwanderung. Die jüdische Bevölkerung verdoppelte sich in den ersten vier Jahren der Existenz des Landes, aber die meisten Neuankömmlinge teilten die Ideologie, auf die der Staat gegründet worden war, nicht. Die neuen Einwanderuer dieser frühen Jahre kamen aus zwei Hauptquellen. Viele waren Holocaustüberlebende, meistens gebrochene und passive Menschen, die wenig Forderungen an den Staat stellten. Sie wollten einen Zufluchtsort und waren im allgemeinen für das, was sie fanden, dankbar. Die meisten anderen Einwanderer waren sehr unterschiedlich. Sie kamen aus der arabischen Welt - Nordafrika und dem Nahen Ostern. Auch sie hatten nur wenige Forderungen an die neue Gesellschaft, aber sie hatten sicherlich Erwartungen. Diese Juden waren mehrheitlich religiös und hatten konservative Ansichten bezüglich des Charakters des jüdischen Staates. Ihre Familienstruktur und ihre Lebensart waren traditionell. Ihre Einwanderung in den neuen Staat war hauptsächlich messianisch motiviert.

In Anbetracht der Leidenschaft und kompromisslosen Sicherheit des nichtreligiösen, aschkenasischen, zionistischen Establishment bezüglich des Landes, das sie aufbauen wollten, war der Zusammenstoss mit den traditionellen Juden aus den orientalischen Ländern unabwendbar. Die volle Kraft des Gegenschlages war eine Generation lang nicht fühlbar, aber als es schliesslich so weit war, reagierte das zionistische Establishment gekränkt: sie sahen die orientalischen Juden als undankbar für die Bemühungen, die angestellt worden waren, um ihnen zu helfen. Sie verstanden nicht, dass ihre herablassende Perspektive viele Einwanderer und ihre Kinder beileidigt hatte. Die Konfrontation begann.

Es können hier nicht alle Details dieser Konfrontation angeführt werden, obwohl sie immer noch die politische und soziale Arena Israels tief beeinflusst. Es genügt zu bemerken, dass fast jede substantielle Einwanderungswelle an vielen gleichen Spannungen litt. Der Konflikt entstand aus dem Gefühl, dass die Bedürfnisse jeder Gruppe weder genügend verstanden noch adäquat beachtet wurden. Die anderen Hauptalijah - jene der russischen Einwanderer der 1980er und 1990er (zusätzlich zu der kleineren, aber wichtigen russischen Einwanderung der 1970er) - verursachte weitere Spannungen. Viele Mitgleider der Masseneinwanderung der 1950er hatten Vorbehalte gegenüber den Neuankömmlingen, die Zuwendungen erhielten, die zur Zeit ihrer Ankunft nicht verfügbar gewesen waren.

Diese sozialen Spannungen fanden ihren Ausdruck in der israelischen Kultur. Jahrzehntelang war die israelische Kultur ein Produkt der aschkenasisch-europäischen Gesellschaft: die meiste Literatur, Musik und Kunst wurde von Europäern geschaffen. Es gibt zwar in der frühen Kunst einige orientalische Motive, die aber eher die europäische Idee des Orients widerspiegelten und weniger eine lebendige Bekanntschaft mit den jüdischen Produkten jener Region.

Frühe Kunst und Architektur des Landes repräsentieren sicherlich den "Orient". Bögen und Kuppeln im orientalischen Stil schmücken bis heute einige frühe Gebäude des modernen Tel Aviv. Dort, wo Häuser mit frühen Bezalel Fliesen geschmückt sind, dominiert immer noch der sogenannte "hebräisch-orientalische" Stil, voller Palmen und anderen regionalen Symbolen. Viele frühe israelische Gemälde stellen denselben Stil zur Schau.

Eine Ausnahme dieses Trends ist die frühe israelische klassische und populäre Musik. Während einige Komponisten durch ihr Zusammentreffen mit der jemenitisch-jüdischen Kultur in Palästina beeinflusst waren und Rhythmen und Melodien dieser Kultur in ihre Musik aufnahmen, war dies jedoch nicht die allgemeine Tendenz. Die jemenitischen Juden des Jischuw waren selbst eine atypische Geschichte orientalischer Einwanderung. Es gab jemenitische Einwanderungen am Ende des 19. Jahrhunderts und dann wieder in den frühen 1920er Jahren. Diese frühen orientalischen Einwanderer stellten für einige Musiker und Künstler des Jischuw eine exotische Attraktion dar.

Nachdem die Masseneinwanderung in den Staat begonnen hatte, begannen sich verschiedene Haltungen zu verändern. Konfrontiert mit der rauhen, weniger attraktiven Realität des Elends der Masseneinwanderung, schwand die exotische Anziehungskraft. Das europäisch-jüdische Establishment sah auf die neuen Einwanderer und ihre Kultur herab. Sie glaubten, die orientalische Kultur sei nach rückwärts gerichtet und die Einwanderer sollten sie aufgeben.

Sie erwarteten nicht von den Einwanderern, dass sie ihre Lebensart und Kultur mit der europäischen vertauschten, sondern dass sie sich in Modellbürger der neuen hebräischen Nation ummodeln sollten, und dass ihre Kultur die hebräische sein sollte. Die Überlegungen waren klar: Die früheren zionistischen Einwanderer hatten genau das getan: sie sprachen Hebräisch und nicht Jiddisch und ihre Lebensart war keine Kopie des europäischen jüdischen Lebens, sondern eine Rebellion dagegen. Wenn sie sich verwandeln konnten, dann konnten auch die neuen orientalischen Einwanderer im Laufe dieser Entwicklung ihre "arabische" Lebensart, die sie mitgebracht hatten, fallen lassen.

Auf mancherlei Art was dies eine ungerechte Erwartung - sogar theoretisch. Während es stimmte, dass sich die aschkenasischen Einwanderer in einen neuen jüdischen Typus verwandelt hatten, so war es freiwillig geschehen, aufgrund ihrer Ideologie. Darüber hinaus war die von ihnen geschaffene hebräische Kultur immer noch eine Variation der europäischen. (Diese Idee wird in Kapitel 13 näher beleuchtet.) Solche Forderungen an die orientalischen Einwanderer waren daher doppelt rauh, und die widerstrebenden Einwanderer hatten keine Eile sich anzupassen.

Der Rückschlag begann erst mit der zweiten Generation. Angespornt durch den neuen ethnischen Stolz, der auf den temporären Erfolg der Black Panther Protestbewegung der frühen 1970er folgte, begannen eine Reihe von Dichtern, Schriftstellern und Musikern ein positives Bewusstsein ihres Hintergrundes auszudrücken. Sie "entschuldigten" sich nicht mehr, sondern nannten sich stolz "Misrachim" (Orientalen). Diese Entwicklung hat bis heute angehalten. Tatsächlich waren die letzten 30 Jahre Zeugen des Enstehens der orientalischen Kultur in Israel.

Einige der bedeutenderen Namen und Entwicklungen sollen hier erwähnt werden. Die erste bemerkenswerte Stimme war Erez Biton in den 1970ern. Mit seinen Gedichten, die die Vergangenheit der nordafrikanischen Juden preisen, und seinen scharfen Präsentationen der Entfremdung der orientalischen Juden in Israel, liess er spätere Dichter wie Roni Someck, Bracha Seri und Tikva Levi vorausahnen. Die Prosaschriftsteller Eli Amir, Sami Michael und Dan Bania Seri erfreuen sich grosser Erfolge. Zur jüngeren Generation gehören Ronit Matalon und Dorit Rabinyan.

Rabinyan ist ein besonders interessanter Fall. Gemeinsam mit Avi Shmuellian ist sie die führende Repräsentantin einer neuen Art israelischer Schriftsteller: beide haben Romane veröffentlicht, die das Geheimnis jüdischen Lebens in arabischen Ländern - Persien/Iran - auf frische Art beschreiben. Beide Schriftsteller verwenden einen halbsurrealistischen Stil, der die Themen reizvoll überhöht. Es bleibt abzuwarten, ob dies ein neuer Trend in der israelischen Literatur wird.

A. B. Yehoshua, der seit Jahrzehnten zu den erstrangigen israelischen Schriftstellern gezählt wird, besetzt mit seinen Präsentationen sephardischer Kultur einen einzigartigen Platz. Er wurzelt in der Hauptströmung des Zionismus und hat eine andere Richtung eingeschlagen. Obwohl sein Werk nicht ausschliesslich aus sephardischen oder orientalischen Charakteren besteht, ist sein letzter Roman "Reise zum Endes des Milleniums" ein stolzer und faszinierender Blick auf die sephardische Vergangenheit.

Eine parallele Tendenz gab es auch in der Musik. Auf der Welle des ethnischen Stolzes Mitte der 1970er Jahre ritten zum Beispiel Zohar Argov und Chaim Moshe, Vertreter der ersten Generation der orientalisch-hebräischen Popmusik, die aus einer Mischung zwischen arabischen und griechischen Motiven bestand. Während die Kritiker dieses Phänomen am Anfang herablassend behandelten, war es beim Publikum extrem beliebt. Andere folgten, mit Sängern wie Zehava Ben und Eyal Golan an vorderster Front. Ofra Haza und Boas Sharabi hielten sich mehr an den Massengeschmack und weniger an die orientalische Musik, um ihr Publikum zu erreichen. Gruppen wie Ethnix und Tippex erreichten ihre Popularität durch ihre Mischung orientalischer Motive, Rhythmen und instrumentaler Töne mit westlichen Musikrichtungen. Die ausserordentlich talentierte Musikgruppe HaBreira HaTivit brachte Musiker verschiedener Hintergründe zusammen und produzierte eine Art östlicher Musik, die die Erfahrungen nordafrikanischer Juden besingt.

Dann gab es das Phäneomen einer Musikergeneration (jeden ethnischen Hintergrundes), die mit dem Spielen israelischer Musik mit westlichem Einfluss aufgewachsen waren. Diese Künstler begannen mit der Produktion von Musik, die östliche und westliche Motive verband. Das ist vielleicht der interessanteste Trend der israelischen Musik, was ihre sozialen Kommentare betrifft. Musiker wie Yehuda Poliker, Meir und Ehud Banai, Alon Olearchik und Etti Ankari schufen authentische israelische Musik, indem sie ihre Inspiration aus der israelischen Gesellschaft als kultureller Treffpunkt zogen.

Auch Tanz und Film sollen nicht unerwähnt bleiben. Die Inbal Tanztruppe war wahrscheinlich die bekannteste "ethnische" Tanztruppe Israels. Im Laufe der Jahre erweiterte sich ihr Repertoire von Fokloremotiven zur freien Interpretation ethnischer Motive.

Das israelische Kino hat nicht viele Filme über ethnische Themen produziert. Andererseits waren einige leichte Komödien und Dramen mit ethnischem Einschlag bei gewissen Publikumsschichten beliebt. In den letzten Jahren haben Filme wie "Schur" begonnen, Themen östlicher Ethnizität zu behandeln, was aber kaum als Trend bezeichnet werden kann. Das bis heute beste Drama über ethnische Spannungen in Israel ist der ausgezeichnete Fernsehfilm aus dem Jahr 1986 "Lechem" - Brot, der sich mit dem sozialen Konflikt in einer südlichen Entwicklungsstadt während einer Wirtschaftskrise auseinandersetzt.

Die breite Popularität aller dieser Gattungen kann wahrlich als kulturelle Revolution bezeichnet werden. Wie alle kulturellen Revolutionen wurde sie von einer Reihe von sozio-politischen Veränderungen gestärkt, ohne die es keine Innovationen der kulturellen Ausdrucksformen gegeben hätte.

Dieses Kapitel hat nur die kulturellen Ausdrucksformen diskutiert, die sich auf die orientalische Einwanderung der Fünfzigerjahre beziehen. Der Einfluss der Russen und Äthiopier ist immer noch zu neu, um seinen kulturellen Einfluss gerecht zu beurteilen. Wenn man die Erfahrungen der Alijah der Fünfzigerjahre anwendet, wird es sicherlich noch eine beträchtliche Zeit dauern, bevor die Früchte dieser Einwanderungswellen in der hebräisch sprechenden Bevölkerung offensichtlich sein werden. Da jedoch die Russisch sprechenden Einwanderer einen grossen Teil der Bevölkerung ausmachen und es gewohnt sind, sich in modernen kulturellen Medien auszudrücken, wird ihr Einfluss schneller spürbar werden. Im Moment sind die wichtigsten kulturellen Ausdrucksformen auf Russisch und somit bleibt diese lebendige Kultur den Russen vorbehalten. Einige hebräische Filme wie "Kaffee mit Zitrone" (1994) und "Jannas Freunde" (1999) haben Aspekte der russischen Einwanderung beleuchtet, sind aber keine grossangelegten Produktionen.

Die berühmteste und wichtigste hebräische Ausdrucksform der Masseneinwanderung aus der ehemaligen Sowjet Union ist zweifellos das Gesher Theater. Die Truppe bestand ursprünglich nur aus russischen Einwanderern, akzeptiert jetzt aber auch israelische Schauspieler. Gesher wurde in den letzten Jahren für seine Arbeit sehr gelobt. Von vielen wird das Theater als das am meisten innovative in Israe betrachtet.

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