Kultur in Israel

Kultur in Israel > Einleitung

A. Kultur definieren - menschlich und national
Das Wort "Kultur" erfordert Definition. Es gehört zu den dehnbarsten Begriffen des Lexikons und enthält eine Reihe von möglichen Bedeutungen. Dieses Essay basiert auf zwei Definitionen, die gleichzeitig betrachtet werden müssen. Es wird die Beziehung zwischen beiden betonen und aufzeigen, wie sie einander beeinflussen. Die erste Definition bezieht sich auf die menschliche Kultur als allgemeine und umfassende Lebensform; die andere erklärt Kultur in den
Begriffen künstlerischer Errungenschaften auf vielerlei Gebieten.

Daher reflektiert Kultur (in jeglichem Sinn) einer speziellen nationalen Gruppe ihre spezifische Lebensart oder ihren kreativen Ausdruck. Eine Charakterisierung dessen ist immer recht schwierig, da - in der modernen Welt - nur wenige Nationen eine Lebensart haben, die sich von der ihrer Nachbarn völlig unterscheidet. Es ist in der modernen Welt des sogenannten globalen Dorfes, in der die westliche Kultur so allumfassend ist, tatsächlich immer schwieriger von ausgeprägten Nationalkulturen zu sprechen. Mit dem Niedergang der traditionellen Kulturen in vielen Teilen der Welt, verblassen auch die Unterschiede zwischen ihnen. Dieses Thema soll später im Hinblick auf die Entwicklungen in der sehr jungen israelischen Kultur diskutiert werden.

B. Jüdische Kultur - religiös ...
Zuerst aber ist hier die Frage der sekulären jüdischen Kultur und ihrer Wurzeln. "Kultur" ist ein neutraler Begriff, der die Lebensart oder die kreativen Expressionen einer Gruppe reflektiert, ohne Rücksicht auf ihre Ideologie. Wenn die Lebensart einer Gruppe auf einer speziellen religiösen Ideologie basiert, dann ist ihre Kultur wahrscheinlich - im Kern - religiös. Das war für das jüdische Volk tausende Jahre lang der Fall: die dominante, vereinende Ideologie war religiös. Gemäss dieser Ideologie existierte die Lebensart der Gruppe und ihre kreativen Impulse unter dem Schutz und Schirm eines Glaubens, dies sei Gottes Welt und Gott habe ihnen eine bestimmte Lebensart zugewiesen.

Gemäss dieser offiziellen jüdischen Ideologie und ihrer Entwicklung über tausende von Jahren - vor allem seit der Zerstörung des Zweiten Tempels und dem Aufstieg der rabbinischen Ideologie zum nationalen Glauben - wurde in Begriffen religiöser Observanz gelebt. Die Zulässigkeit besonderer Verhaltensweisen wurde nach dem Grad der Übereinstimmung mit dieser Ideologie beurteilt. Wo verschiedene Aspekte des jüdischen Lebens und seiner kreativen Leistungen als im Konflikt mit diesen Prinzipien gesehen wurde, verdammte man sie oder betrachtete sie als wertlos. Es ist aber unmöglich zu verallgemeinern, als ob die jüdische Lebensart in verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten identisch war: das Leben der mittelalterlichen Juden in Spanien und im deutschen "Aschkenas" war in vielen Aspekten unterschiedlich. Trotzdem vereinten allgemeine kulturelle Voraussetzungen und Ideologien die Juden überall auf der Welt.

C. ... und nichtreligiös
Diese Ideologie begann unter den europäischen Juden ab dem Zeitalter der Haskalah (der jüdischen Aufklärung), deren Wurzeln in das späte 18. Jahrhundert verfolgt werden können, aufzubrechen. Die Bewegung erstarkte im 19. Jahrhundert und unterminierte viele der Voraussetzungen auf denen das jüdische Leben vorher basierte. Von da an wurde die Idee einer zulässigen nichtreligiösen Kultur von gewissen jüdischen Kreisen immer mehr akzeptiert.
Es soll nicht angedeutet werden, dass die Werte der nichtreligiösen Kultur alle traditionellen jüdischen Vorstellungen von Gott und Gottes Welt aufgaben. Aber viele akzeptierten nicht länger die Idee, dass alle Aspekte des Lebens unter der totalen Kontrolle der Halacha und der rabbinischen Ansichten gelebt werden müssten. Mit der immer stärkeren Akzeptanz des nichtreligiösen Ausdrucks wurde der Weg für neue Ideen, Ideologien und bisher gemiedene Lebensarten geebnet.

D. Zionismus - eine nichtreligiöse oder religiöse kulturelle Bewegung?
Diese nichtreligiöse Ausdrucksweise führte zum Zionismus und später zur Gründung des Staates Israel. Innerhalb der zionistischen Bewegung und innerhalb des nachfolgenden Staates kam es zu erbitterten Kämpfen zwischen den Verfechtern der rabbinischen Ideologie und deren Gegnern. Schliesslich wurde klar, dass die Befürworter der sekulären Kultur die Oberhand behielten. Zionismus, Jischuw und jüdischer Staat entwickelten sich alle in einem fundamental nichtreligiösen Rahmen, in dem Religion und religiöse (orthodoxe) Juden ihren Platz haben, aber nicht den Ton angeben.

E. Israelische Kultur definieren - der Zugang dieses Essays
So entwickelte sich die israelische (und moderne jüdische) Kultur nicht als anderer Ausdruck der traditionellen jüdischen Ideologie. Traditionelles Judentum ist eines von vielen Elementen, die die israelische Kultur in den letzten Generationen bildeten. Die Bedeutung dieser Tatsache kann nicht überbewertet werden. Die nationale israelische Kultur (vor und nach der Staatsgründung) besteht aus vielen verschiedenen Komponenten. Viele haben die Lebensart grundlegend beeinflusst (kulturelle Definition 1), hatten aber nur einen begrenzten Effekt auf den kreativen Ausdruck (kulturelle Definition 2).

Viele Betrachtungen der israelischen Kultur haben die Tendenz, sich auf die zweite Definition zu konzentrieren und Aspekte der ersten Defintion nur dann einzuführen, wenn sie relevant sind. Sie werden daher auf lange Listen von Schriftstellern, Musikern, Filmen und Theaterstücken reduziert, die aber nutzlos sind für Menschen, die zum ersten Mal mit der israelischen Kultur Bekanntschaft machen. Dieses Essay möchte einen anderen, hoffentlich nützlicheren, Zugang suchen, um die Interaktion zwischen den beiden Definitionen von Kultur zu behandeln. Eine Reihe von Kräften und Phänomenen, die die israelische Lebensart bedeutend beeinflussten (Defintion 1) soll kurz betrachtet werden. Dann werden verschiedene Konzepte und Beispiele angeboten, um zu zeigen, wie diese Einflüsse in der Kunst ihren Ausdruck finden (Definition 2).
Eine solche Analyse ist natürlich nicht umfassend. Durch die Beschränkung auf 13 zentrale Themen und Einflüsse, werden nebensächlichere Elemente weggelassen. Individuelle Kulturschaffende werden als Beispiele für ein breiteres Phänomen erwähnt und nicht als deren einziger Vertreter.

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