Hebraeische
Sprache - Das Hebraeische
ist eine semitische Sprache und dem Phoenizischen und Moabitischen nahe
verwandt. Hebraeisch wurde im antiken Palaestina gesprochen, bevor es
im dritten Jahrhundert v.d.Z. vom Aramaeischen verdraengt wurde. Es wurde
jedoch weiterhin als liturgische und literarische Sprache benutzt.
Das Hauptmerkmal des Hebraeischen ist die Verwendung von meist dreikonsonantigen
Wurzeln, an die Vokale und andere Konsonanten angefuegt werden, um Woerter
verschiedener Bedeutung abzuleiten. Hebraeisch wird von rechts nach links
geschrieben, das Alphabet besteht aus 22 Buchstaben.
Die Geschichte des Hebraeischen wird gewoehnlich in vier Hauptperioden
unterteilt:
- Biblisches
oder Klassisches Hebraeisch, das bis ins dritte Jahrhundert v.d.Z.
bestand und in dem fast die gesamte Bibel geschrieben wurde.
- Mischna-
oder Rabbinisches Hebraeisch, die Sprache der Mischna (um 200), die
nie als Umgangssprache verwendet wurde.
- Das
mittelalterliche Hebraeisch (6. bis 13. Jahrhundert). Viele Begriffe
wurden aus dem Griechischen, Spanischen, Arabischen und aus anderen
Sprachen entlehnt.
- Iwrith,
das moderne Hebraeisch, die Sprache des Staates Israel.
Dieses moderne Hebraeisch wurde durch Eliezer
Ben-Jehuda ab seinem Eintreffen in Palaestina 1881 initiiert. Es basiert
auf der Sprache der Bibel und enthaelt viele Vereinfachungen, die es den
modernen Gegebenheiten anpassen. Es ist die einzige Umgangssprache, die
eine geschriebene Sprache als Grundlage hat. Die Aussprache ist eine Abaenderung
jener, die von den sephardischen Juden benutzt wurde. Die alten Kehllaute
werden nicht mehr deutlich unterschieden (ausser von orientalischen Juden)
oder sind verlorengegangen. Der Satzbau basiert auf der Sprache der Mischna.
Fuer Eliezer Ben-Jehudas Pionierleistung erwiesen sich drei Bedingungen
als grundlegend:
- In
Palaestina gab es keine Nationalsprache, die Bewohner waren in ethnisch-religioese
Gruppen unterteilt, die eine Anzahl verschiedener Sprachen benutzten.
- Ab
der Mitte des 19. Jahrhunderts begann der Aufstieg der juedischen
Nationalbewegung. Um 1860 unternahm man den Versuch, den statischen
Zustand Palaestinas zu aendern. Zeitungen, Verlage, Fabriken und Siedlungen
wurden ausserhalb der Altstadtmauern Jerusalems gegruendet. Es wurde
notwendig, in Palaestina eine Nationalsprache fuer die sich entwickelnde
Gesellschaft einzufuehren. Es war nur natuerlich, dass das Hebraeische
dafuer an erster Stelle stand.
- Die
Tatsache, dass die urspruengliche Sprache des Landes Hebraeisch gewesen
war, gewaehrleistete eine solide ideologische Basis fuer die Erneuerung
der Sprache und gab ihr einen Vorteil, die keine andere Sprache hatte.
Die Hauptschwierigkeit fuer die Erneuerung des Hebraeischen lag auf dem
Gebiet des Wortschatzes. Die Notwendigkeit neuer Woerter wurde von Anfang
an erkannt. Ben-Jehuda beschrieb dies am folgenden Beispiel:
"Hat ein Leser Smolenskins jemals empfunden, dass in all den verschiedenen
Umstaenden, die dieser ausserordentliche Autor in seinen Geschichten beschreibt,
zum Beispiel niemals die einfache Handlung des Kitzelns erwaehnt wird?
Diese Handlung, der wir oft in jeder Geschichte in einer lebenden Sprache
begegnen, werden wir in keiner Geschichte Smolenskins antreffen, ganz
einfach deshalb, weil er kein Wort dafuer hatte. Trotzdem sind seine Geschichten
wunderbar geschrieben. Wer etwas Kluges oder etwas Wissenschaftliches
schreiben moechte oder jemand wie ich, der mit den Kindern zu Hause ueber
alles Hebraeisch spricht, fuehlt jeden Moment den Mangel an Begriffen,
ohne die lebendiges Sprechen nicht stattfinden kann."
Das Hebraeische als Umgangssprache wuchs gemeinsam mit dem ersten hebraeisch
erzogenen Kind, Ben-Jehudas Sohn, dem spaeteren Journalisten Ittamar Ben-Avi.
Fuer dieses Kind mussten hebraeische Woerter fuer die grundlegenden Dinge
des Lebens gefunden werden: Puppe, Eis, Pudding, Omelette, Taschentuch,
Handtuch, Fahrrad, etc. Ben-Jehuda und seine ausschliesslich hebraeisch
sprechende Familie wurden eine lebende Legende, eine Verkoerperung der
Erneuerung, ein Vorbild fuer andere. Sie waren der Beweis, dass eine voellige
Neubelebung der Sprache moeglich war.
Ben-Jehuda nahm das Angebot an, Hebraeisch in einer Alliance Israelite
Universelle Schule zu unterrichten, denn die Verwendung des Hebraeischen
in der Schule war fuer ihn der wichtigste Schritt. Um auch Erwachsene
fuer seine Ideen zu gewinnen, gab er ab 1884 eine eigene hebraeische Zeitung
heraus.
Ben-Jehuda begann - als Hilfe fuer sich selbst und andere - die neuen
Woerter zu sammeln. Er publizierte zuerst Woerterlisten in seiner Zeitung.
Da er aber eine hebraeischsprechende Nation wollte, mussten die Woerter
philologischen Gesetzen gehorchen. Er begann daher an einem wissenschaftlichen
Woerterbuch des Hebraeischen zu arbeiten. Das siebzehnbaendige "Vollstaendige
Woerterbuch des Alten und Modernen Hebraeisch" ist einzigartig in der
Geschichte der hebraeischen Woerterbuecher. Es wurde von seiner zweiten
Frau und seinem Sohn fertiggestellt. Im Dezember 1890 gruendete Ben-Jehuda
den Rat der Hebraeischen Sprache, der sich mit den verschiedenen Problemen
der Terminologie, Aussprache, Rechtschreibung und Zeichensetzung befasste.
Dieser Rat war der Vorlaeufer der heutigen Akademie der Hebraeischen Sprache,
der obersten Autoritaet bei allen Angelegenheiten, die die Sprache betreffen.
Das Jahr 1881, in dem Ben-Jehuda seinen sprachlichen Kreuzzug begann,
markiert auch die Anfaenge der modernen Einwanderung in Eretz Israel.
Der Hauptanteil dieser Immigranten war wie Ben-Jehuda, jung, gebildet
und idealistisch. Sie wurden seine grossen Unterstuetzer, sie waren anpassungsbereit
und willig, Hebraeisch zu sprechen, wie er es verlangte, und gaben es
an ihre Kinder weiter. Innerhalb von vierzig Jahren, von 1881 bis 1921,
wurde das Hebraeische fuer die meisten Bewohner des Jischuw das einzigartige
Symbol ihres linguistischen Nationalismus. Die britische Mandatsregierung
trug dieser Tatsache Rechnung und anerkannte am 29. November 1922 das
Hebraeische als offizelle Sprache der Juden in Palaestina.
Es darf nicht angenommen werden, das Hebraeische sei vor Ben-Jehuda eine
"tote" Sprache gewesen. Hebraeisch war immer die Sprache der Tora und
des Gottesdienstes, und die meisten maennlichen Juden verstanden sie und
konnten hebraeische Buecher lesen. Der Historiker Cecil Roth brachte diese
Situation auf eine kurze Formel:
"Vor Ben-Jehuda konnten die Juden Hebraeisch sprechen, nach ihm taten
sie es." |