Israel-Diaspora
Das Jahrhundert des Zionismus - praesentiert von: Pedagogic Center der Jewish Agency

Die Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora


Fallstudie: Russland im Licht seiner komplexen Beziehungen mit Israel

Im Shtetl von Kremierniec, 1925, einer Stadt im russischen Ansiedlungsrayon

Die Geschichte der russischen - exsowjetischen - Juden ist eine faszinierende Saga. Im spaeten 19. Jahrhundert war die juedische Gemeinde des zaristischen Russlands die groesste der Welt. Die grossen Emigrationen aus diesem Russland der Zaren bildeten die Basis fuer die meisten westlichen Gemeinden. Ausserdem wandten unzaehlige russische juedische Auswanderer ihren Blick nach Eretz Israel und schufen die Grundlage fuer die zionistische Gemeinschaft und den spaeteren Staat Israel.

In den fruehen Zwanzigerjahren begann der neue sowjetische Staat die Juden zu unterdruecken. Es ist wohlbekannt: statt der neuen offiziellen Freiheit, die den Juden von der Revolution versprochen worden war, brachte die Sowjetaera das Verbot aller bedeutenden Ausdrucksformen juedischen Lebens, religioes, kulturell und politisch. Der Zionismus war gaenzlich verpoent. Die russischen Juden und mit ihnen alle anderen der Sowjetunion, waren von der juedischen Welt abgeschnitten. In Stille und in einem Vakuum gingen sie ihren eigenen traurigen Weg. Israel wurde von der Sowjetunion unmittelbar nach der Staatsgruendung anerkannt. Die Beziehungen wurden jedoch nach dem Sechs Tage Krieg von 1967 abgebrochen und erst 1992, nach dem Fall des Kommunismus, wieder aufgenommen.

Die Grosse Synagoge in Moskau

In den letzten Jahrzehnten des kommunistischen Regimes unternahmen Israel und westliche Juden gemeinsame Versuche, geheime Kontakte mit sowjetischen Juden herzustellen. Besuche wurden arrangiert, Buecher und Kultgegenstaende geschmuggelt, Verbindungen mit juedischen Gruppen in den Hauptstaedten der Sowjetrepubliken etabliert. In diesen Jahren bekaempften einige tapfere sowjetische Juden offen die Politik der UDSSR und bekundeten ihre juedische Identitaet durch das klare Bekenntnis zum Staat Israel als ihre Heimat. Oft landeten sie fuer ihre Anschauungen und Aktionen im Gefaengnis. Israel wurde ein emotional starkes Heimatland fuer diese „Refusniks", die zwar nicht die gesamte sowjetjuedische Gemeinde repraesentierten, aber doch eine signifikante Bewegung in Richtung "Juedisches Leben" darstellten. Eine grosse internationale Kampagne fuer die "Freilassung" der sowjetischen Juden wurde gefuehrt.

In den Siebzigerjahren, einer Zeit der Entspannung zwischen der Sowjetunion und Amerika, wurde erstmals seit fuenfzig Jahren einer grossen Anzahl von Juden gestattet, die UDSSR zu verlassen. Der Grossteil, ueber 130.000, wanderte in Israel ein. Als die Tore der Sowjetunion Ende der Siebziger wieder geschlossen wurden, waren die sowjetischen Juden abermals eingesperrt und ohne Hoffnung auf Auswanderung.

Refusniks: Darunter Natan Shcharansky und Ida Nudel

Nachdem der Westen in der Mitte der Achtzigerjahre interveniert hatte, gingen die Tore wieder auf. Dies war ein Verdienst der Praesidentschaft Ronald Reagans. Es war keine Ueberraschung, dass zehntausende Juden lautstark ihre Absicht verkuendeten, zu emigrieren. Die Frage war nur, wohin.

Diese Frage konnte deshalb mit Recht gestellt werden, da man die UDSSR nur verlassen konnte, wenn man im Besitz einer offiziellen Einladung und eines Visums eines anderen Staates war. Israel erfuellte diese Rolle fuer die sowjetischen Juden. Und jeder Jude, der aus der UDSSR auswandern wollte, konnte sicher sein, automatisch ein Visum nach Israel zu erhalten. Mit diesen Visa konnten die Juden aus der UDSSR ausreisen, und weil es zwischen der Sowjetunion und Israel keine direkten Fluege gab, wurden die (vermutlich) zukuenftigen Immigranten zu verschiedenen Destinationen in Europa, wie Wien, geflogen, wo Vertreter der Jewish Agency zur Stelle waren, um den Transfer nach Israel zu gewaehrleisten. Es gab nur ein kleines Problem. Es wurde naemlich bald klar, dadd viele juedische Auswanderer aus der UDSSR sehr unterschiedliche Vorstellungen ueber ihre Reiseziele hatten.
Diese dramatische Wendung vollzog sich vor allem, als sich viele Juden zu Beginn der Siebzigerjahre zur Auswanderung entschlossen, und besonders nach dem Jom Kippur Krieg, als Israel in der sowjetischen Presse sehr negativ behandelt wurde. Die meisten Auswanderer suchten einen Weg in den Westen, und das bedeutete: Amerika.

Ab der Mitte der Siebzigerjahre gab es Hilfe. Die wichtigste Wohlfahrtssorganisation der amerikanischen Juden zur Unterstuezung der Einwanderer war die HIAS. Sie war der Meinung, dass Juden, die der UDSSR mit ihrem Rekordantisemitismus und ihren Verfolgungen entkommen waren, Hilfe fuer einen neuen Start dort bekommen sollten, wo sie wollten. Israel duerfe nicht die einzige Option fuer die Juden der UDSSR sein. HIAS war geneigt, Juden bei der Ansiedlung in Amerika behilflich zu sein. Mehr noch, die HIAS brachte den amerikanischen Kongress und die Regierung dazu, sowjetische Juden als Fluechtlinge vorrangig zu behandeln.

Amerika hat eine lange historische Tradition bei der Aufnahme von Fluechtlingen aus unterdrueckten Laendern. Der amerikanische Status fuer Fluechtlinge war traditionell fuer jene, mit "begruendeter Furcht vor Verfolgung" aus rassischen, politischen, nationalen oder religioesen Gruenden, reserviert. Die Vorsitzenden der HIAS argumentierten, dass in der Sowjetunion allein die Existenz als Jude automatisch die Verfolgung mit sich brachte. Und dass man deshalb jeden russischen Juden, dem die Ausreise aus der Sowjetunion gelungen war, und dessen Wunsch es war, nach Amerika zu kommen, willkommen heissen sollte. Dies sei eine Frage grundlegender Menschenrechte.

Mit der aktiven Unterstuetzung dieser amerikanischen juedischen Organisationen, die in Rom ein Buero eroeffnet hatte, kamen die Emigranten von Wien nach Rom, und die "Ausfallsquote" stieg. Ende 1978 war es offensichtlich: vom zionistischen bzw. israelischen Standpunkt aus betrachtet, gab es eine Krise. Im Mai 1978 hatten zum Beispiel 1169 Juden die UDSSR mit israelischen Visa verlassen, aber nur 109 kamen tatsaechlich in Israel an.

Die Zionistische Weltorganisation und die israelische Regierung waren ueber die Einmischung der amerikanischen Organisation erbost. Sie argumentierten, dass es den Emigranten nur aufgrund der israelischen Bereitschaft, sie aufzunehmen und der israelischen Visa, erlaubt worden war, aus der Sowjetunion auszureisen. Es sei deshalb fuer jede juedische Organisation falsch, ihnen zu helfen. Ausserdem wuerden sich viele der russischen Juden assimilieren und ihre juedischen Wurzeln vergessen, wenn sie einmal in Amerika angekommen seien. Die Statistik scheint dieses Argument zu belegen. 1988 waren nur sieben bis zehn Prozent der russischen Juden, die seit den Siebzigern in die USA eingewandert waren, mit juedischen Gemeinden in Kontakt geblieben, nachdem die finanzielle Unterstuetzung, die sie von ihnen in den ersten Jahren erhalten hatten, versiegt war.

Russische Einwanderer bei der Ankunft am Ben Gurion Flughafen

In Israel, so die Argumentation, wuerde ihre Verbindung zum juedischen Volk gestaerkt werden. Das Leben in einer juedischen Gesellschaft, die taegliche Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten der juedischen Existenz, die Verwendung des Hebraeischen und das Leben nach dem juedischen Kalender, seien grosse Fortschritte fuer Juden, die sich, ohne selbst daran schuld zu sein, assimiliert und von ihrer eigenen Kultur entfremdet hatten.

In den fruehen Achtzigerjahren entschloss sich die israelische Regierung gegen das "Drop out" Phaenomen auf zwei Arten anzukaempfen. Erstens versuchte sie die juedische Fuehrung der USA und die amerikanische Regierung zu ueberzeugen, ihre Meinung ueber den Fluechtlingsstatus der sowjetischen Juden zu ueberdenken. Sie argumentierte, diese Menschen seien keine juedischen Fluechtlinge, denn ein Fluechtling sei eine Person ohne Heimat. Israel sei das natuerliche Heimatland aller Juden auf der Welt, und viele von ihnen lebten bereits dort. Juden, die die UDSSR mit Hilfe der Einladungen und der Visa des Staates Israel verlassen haetten, sollten zuerst nach Israel kommen, von wo aus sie Einreiseantraege in die USA oder in andere Laender stellen koennten. Es gaebe geborene Israelis, die in die USA einwandern wollten, und diese russischen Juden sollten genau die gleichen Moeglichkeiten haben wie sie.

Der naechste Schritt, den die israelische Regierung unternahm, war groesser. Im Juni 1988 stimmte sie fuer die Auflassung von Transitstationen wie Wien oder Rom und die Organisation von Direktfluegen, die zwar in Europa zwischenlanden konnten, aber die Einwanderer direkt nach Israel bringen sollten.

Die amerikanische juedische Fuehrung sprach weiterhin vom Recht des Immigranten sein Ziel zu waehlen und trat den Initiativen der israelischen Regierung zwar nicht oeffentlich, jedoch privat entgegen. Eine Kollision in der juedischen Welt stand bevor.

Zum Schluss wurde der Konflikt wenn schon nicht geloest, so doch durch die Entscheidung der amerkanischen Regierung, die Aufnahme russischer Juden zu limitieren, beruhigt. Das amerikanische Fluechtlingsbudget war einfach nicht ausreichend, um die Flut der Exrussen zu absorbieren. Ausserdem gab es auf der Welt andere Krisenherde, die eine grosse Anzahl von Menschen in weitaus dringenderen Situationen zwang, in den USA um Asyl anzusuchen. Nachdem die Reagan-Verwaltung die Einwanderung eingeschraenkt hatte, lagen die Konsequenzen auf der Hand: die meisten Juden, die die UDSSR verlassen wollten, wuerden sich nun nach Israel wenden. Die Ausfallsquoten der Vergangenheit wuerden sich nicht wiederholen. Die Spannungen, die in der juedischen Welt aus diesen Gruenden entstanden waren und die die unterschiedlichen Betrachtungsweisen verdeutlicht hatten, mit denen Juden die juedische Welt und ihre Verantwortung ihr gegenueber sahen, loesten sich auf.

Der Fall des Kommunismus veraenderte die Situation gaenzlich. Seit den spaeten Achtzigerjahren sind ungefaehr 700.000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in Israel eingewandert. Ihre Absorption hat eine Menge Probleme mit sich gebracht. Viele Juden in Russland haben erkannt, dass Alijah nicht unbedingt die Loesung fuer alle ihre Leiden darstellt. Damit ist eine neue Aera angebrochen, in der der Versuch unternommen wird, in den Laendern der ehemaligen UDSSR juedisches Leben wieder aufzubauen. Und damit tauchen auch die alten Spannungen zwischen Israel und der Diaspora neuerlich auf.

Unmittelbar nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs" betraten Repraesentanten verschiedener Organisationen und Institutionen die Nachfolgestaaten der UDSSR, um eine Basis fuer ihre jeweiligen Agenden zu schaffen. Wohlfahrtsorganisationen wie der JOINT, religioese Gruppen von den Lubawitschern bis zur Reformbewegung, Vertreter des Staates Israel, die Jewish Agency und andere Koerperschaften, die das zionistische Ideal hochhalten, sie alle versuchten ihr spezielles Angebot durchzusetzen.

ImHaShachar Jugendklub in Kiew

Die Vertreter des Staates Israel und des Zionismus gingen mit grosser Energie daran, ein erzieherisches und kulturelles Netzwerk von Schulen, Sommerlagern, Klubs zu entwickeln und wurden herzlich aufgenommen. Eine grosse Summe wurde investiert, hunderte von Emissaeren (Schlichim) wurden entsandt, um dem Rest einer einst grossen Gemeinde wieder Leben einzuhauchen. Aber die Frage muss gestellt werden: Welche langfristigen Ziele hatten die Verteter des Zionismus und Israels? Die klassische zionistische Theorie ist klar. Auf dieser Basis konnte das Ziel also nur darin bestehen, zu versuchen, fuer die russischen Juden eine juedische UND ZIONISTISCHE Identitaet zu schaffen - und dies vor allem unter der Jugend, damit sie einmal ihren Zionismus erfuellen und nach Israel kommen, um dort zu leben und ihre juedische Identitaet und Kultur fortzusetzen. Das Ziel konnte nicht sein, eine starke juedische Identitaet durch erzieherische und kulturelle Arbeit aufzubauen - mit der Schaffung einer begleitenden, permanenten, kulturellen und erzieherischen Infrastruktur.

In diesen Aktivitaeten der zionistischen Vertreter sehen wir die gewissen Spannungen, die in der zionistischen Haltung gegenueber dem Galut beteht. Da der ideologische Zionismus nicht an das langfristige Ueberleben des Judentums ausserhalb Israels glaubt, koennen zionistische Schlichim, die sich in Diasporagemeinden erzieherischen und kulturellen Aufgaben widmen, nur bis zu einem gewissen Punkt erfolgreich sein.

Im Sommerlager der Jewish Agency

Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet haben die Staaten der ehemaligen Sowjetunion doppelt profitiert. Die Zahl der Einwanderer in Israel ist drastisch zurueckgegangen, nicht zuletzt wegen der Schwierigkeiten, denen sich die Olim ausgesetzt sahen. Die kulturelle und erzieherische Arbeit all dieser Organsationen in Russland und den Nachbarstaaten hat sich als sehr erfolgreich herausgestellt. In sehr kurzer Zeit wurde eine reichhaltige Infrastruktur aufgebaut; und man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass diese Arbeit in einer kulturellen Wildnis begonnen worden war. Ganztagsschulen, Nachmittagsbetreuung, Camps, Klubs, Volkshochschulen, Lehrerausbildungsstaetten, Wohlfahrtsorganisationen, Synagogen: alles in Koexistenz mit einer lebendigen Gemeindestruktur. Falls die instabilen politischen Verhaeltnisse keine Katastrophen fuer diese Gemeinden mit sich bringen, haben alle diese Institutionen die besten Ueberlebenschancen.
Nicht jeder in Israel, der mit der Zionistischen Bewegung verbunden ist, freut sich ueber diese Situation.
Aber eines ist klar: Sollte eine Katastrophe eintreten, Israel steht mit offenen Armen.

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Created: 16/11/00 Updated: 11/12/00

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