Israel-Diaspora
Die Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora
Der Zionismus und der Westen
Spannungsdynamik
In den Jahren des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, als der Zionismus Formen annahm, war die westliche Diaspora erst im Begriff, sich herauszubilden. Die englischsprachigen Laender erhielten die Masse ihrer Juden genau zur selben Zeit, als sich die zionistische Gemeinschaft des Jischuw zu entwickeln begann, und aus denselben Gruenden: dem Wunsch von Millionen Ostjuden, ihr Geburtsland zu verlassen. Die meisten der im Westen lebenden Juden waren selbst Immigranten oder Kinder von Immigranten, die sich ihrer Stellung im neuen Land noch nicht sicher waren. Sie befanden sich immer noch im Exil und fuehlten sich nicht zu Hause.
Nach zwei Generationen hatte sich die Situation grundlegend geaendert: Die Juden des Westens, vor allem die der Vereinigten Staaten, erlangten gesellschaftliche Selbstsicherheit. Sie waren Elitegruppen, die stolz auf ihre Errungenschaften, mit dem Gefuehl der Staerke und der Akzeptanz in ihren jeweiligen Laendern lebten. Die meisten fuehlten sich stark zugehoerig und nicht als machtlose Aussenseiter oder gar Parasiten. Fuer viele von ihnen war das Gelobte Land dort, wo sie sich gerade befanden, und nicht dort, wo sie nicht waren - in Eretz Israel. Sie sahen sich selbst in einer kraftvollen Diaspora. Fuer den Zionismus jedoch existierten sie immer noch im Galut.
Viele dieser aktiven Juden der neuen Generation engagierten sich fuer Israel und taten dies auf verschiedene Weise: entweder finanziell, in der Tradition ihrer Eltern stehend, oder politisch, indem sie ihre Faehigkeiten und Kenntnisse ueber die Regierungsprozesse ihres Landes nuetzten, um sich zugunsten Israels einzusetzen. Da sie mit Hilfe ihrer Finanzkraft und ihrer Faehigkeiten ihren Beitrag fuer Israel leisteten, waren sie nicht bereit, die Bevormundungen des klassischen Zionismus zu akzeptieren, die von den Sprechern des Staates Israel verkuendet wurden.
Ausserdem hatten viele den Eindruck, dass sie in gewisser Hinsicht mehr fuer das Management und die Verwaltung der in der Diaspora gesammelten Gelder leisten konnten, als die Israelis selbst.
Ihr Geld wurde angenommen, ebenso ihre politische Hilfestellung. Wenn sie jedoch den Versuch unternahmen, Israel mit Ratschlaegen zur Seite zu stehen, wurden sie bestenfalls angehoert, meistens jedoch zurueckgewiesen.
Sogar zu der Zeit, als sich dieser Prozess erst im Anfangsstadium befand, waren sich die Sprecher des Zionismus ihrer Position immer sicherer. Diese Haltung, die von der klassischen zionistischen Ideologie ausgegangen war, erfuhr ihre Bekraeftigung durch zwei zentrale Ereignisse: die Schoah und die Gruendung des Staates Israel.
Viele Zionisten sahen sich durch die Schoah in ihrer Meinung ueber den Galut bestaetigt. Das Leben dort war als Vorspiel zur Tragoedie anzusehen. Die Zionisten waren ueber das Ausmass dieser Tragoedie entsetzt, aber sie hatten sie jahrelang vorhergesagt. Die Gruendung des Staates Israel, dem es moeglich war, in Not geratene Juden sonder Zahl aufzunehmen, zeigte, dass es nun eine Alternative zu dem von vielen Zionisten vorhergesehenen Schicksal im Galut gab: Juden sollten und konnten nach Zion kommen, um sich selbst retten.
Der Gegenangriff der Diaspora
Ein Aufeinanderprallen dieser beiden Gruppen, die ideologisch in verschiedene Richtungen strebten, war unausweichlich: an einem gewissen Punkt waren die Diasporajuden einfach gezwungen, ihre Gefuehle mit den neuen Stimmen der Zugehoerigkeit auszudruecken und abzulehnen, sich zu Juden zweiter Klasse degradieren zu lassen, nur weil sie nicht in Israel lebten.
Dieser Prozess setzte vor ungefaehr zehn Jahren ein, als sich einige amerikanische juedische Fuehrer zu Wort meldeten. Sie wiesen die Argumente der zionistischen Sprecher zurueck, mit denen versucht wurde, sie in eine zweitrangige Position zu draengen. Israel war zweifellos ein Zentrum der juedischen Welt. Aber die westliche Diaspora war es auch.
Rueckkehr zum Zwei - Zentren - Modell?
Die Idee, sie seien aufgrund ihrer geographischen Lage in jeder Hinsicht schlechter gestellt als die Juden des Staates Israel, wurde abgelehnt. Die gegenwaertige Situation wurde mit jener der talmudischen Zeit (3. - 6. Jahrhundert) verglichen, als zwei juedische Zentren - Babylonien und Eretz Israel - nebeneinander bestanden hatten. Die Juden der Vereinigten Staaten sahen sich als neues Babylonien.
Diese Empfindung wurde durch eine weitere Wahrnehmung bestaerkt. Ein Grossteil der aktiv am juedischen Leben teilnehmenden Juden der Diaspora spuerte die Diskrepanz zwischen der zionistischen Vision und der Realitaet. Obwohl Israel und die zionistische Idee eine wichtige Rolle spielten, bot das wirkliche Leben in Israel ein anderes Bild, als es die Lieferanten des Zionismus der Oeffentlichkeit verkauften.
Die politischen, sozialen und religioesen Probleme Israels schienen nahezulegen, dass es dort nur eine weitere juedische Gemeinde gab, die in Schwierigkeiten steckte, obwohl sie zweifellos anders geartet und von zentraler Wichtigkeit war. Die Begeisterung flaute ab.
Politische Argumente, die in Israel entwickelt worden waren, schwappten in die Arena der Diaspora ueber. Es bestand Uneinigkeit, ob es ratsam sei, Israel zum Beispiel im internationalen Forum der Diasporalaender, offen zu kritisieren, da die israelischen Probleme nicht negiert werden konnten.
Die neue Generation der jungen amerikanischen Juden unterschied sich von ihren Eltern auch in einem anderen, wesentlichen, Punkt: sie waren vor der Existenz des juedischen Staates noch nicht auf der Welt, und sie hatten den Preis, den die Juden in den Dreissigerjahren gezahlt hatten, nicht am eigenen Leib erfahren.
Ausserdem hatten sie die fruehen Jahre des neuen juedischen Staates nicht erlebt, als Israel mit einer endlosen Reihe von Ueberlebenskaempfen konfrontiert war, um sich fuer alle Zeit auf die Landkarte der Nationen zu setzen. Viele konnten sich nicht einmal an die existenzielle Bedrohung Israels vor dem Sechs Tage Krieg 1967 erinnern. Sie hatten nicht nach dem Sieg Israels den Schauer des Stolzes verspuert, so wie ihre Eltern, die durch den Mythos des „Superjuden", des neuen juedischen Kaempfers, ermutigt wurden, erhobenen Hauptes durch ihr Land zu gehen.
Die Kenntnis der jungen Generation ueber die Kriege, die Israel gefuehrt hatte, basierte eher auf dem Libanonkrieg von 1982, der auch innerhalb Israels zu heftigen Kontroversen gefuehrt hatte, und nur wenigen Anlass bot, stolz zu sein. Diese Juden sahen die Realitaet der Intifada, die von den meisten internationalen Medien als ein „David und Goliath Szenario" dargestellt wurde, mit Israel in der Rolle des Goliath. Diese Generation tendierte dazu, Israel illusionslos zu sehen. Und tatsaechlich fuehlten sich viele mit ihrem eigenen juedischen Leben erhaben ueber das juedische Leben im Staat Israel.
Zusaetzlich wurde die Zurueckhaltung gegenueber einer Form des Judentums, die sich in Israel entwickelte, immer groesser: gegen das strikt orthodoxe Judentum, das anderen, nicht-orthodoxen, Stroemungen keinerlei Wert zugestand, und nicht-orthodoxe Uebertritte zum Judentum nicht anerkannte. Repraesentanten orthodoxer israelischer Kreise aeusserten sich immer militanter in ihrer Denunzierung anderer Formen des Judentums. In einem solchen Klima fuehlten sich viele fuehrende Vertreter des Diasporajudentums zunehmend unbehaglich.
Der Zionismus hatte ueber viele Jahre hinweg die Diaspora zu ueberzeugen versucht, die westlichen Juden koennten in Israel ein ausgefuellteres juedisches Leben fuehren. Wenn westliche Juden jetzt in Richtung Israel blickten, sahen sie sich mehr und mehr mit einer Realitaet konfrontiert, in der sie sich entrechtet fuehlten: wenn dies das juedische Leben war, das ihnen Zion bieten konnte, dann gab es keinen Grund auf Israel neidisch zu sein.
Ein neues Modell: Israel als Allheilmittel fuer die Krankheiten der Diaspora
Dies war die Geschichte des engagierten Teiles des Weltjudentums. Es gibt aber noch einen anderen, nicht minder wichtigen, Teil: assimiliert, unbeteiligt, ja indifferent gegenueber einem organisierten juedischen Leben. Fuer sie war Israel nur eine weitere Schlagzeile in den Nachrichten. Fuer den juedischen Staat hatten sie wenig bis gar nichts uebrig.
Vor einigen Jahren setzte ein etwas seltsamer aber interessanter Prozess ein. Als die Fuehrerschaft und die Elitegruppen der westlichen Juden um sich blickten, begannen sie diese unbeteiligten und assimilierten Juden wahrzunehmen. Ploetzlich gebaerdeten sie sich wie Propheten des Unterganges und warnten, das Judentum in den Laendern der Diaspora stuende am Rande einer Spaltung. Eine neue Parole wurde in der westlichen Diaspora ausgegeben: juedische Kontinuitaet. Der Fortbestand des juedischen Lebens hatte oberste Prioritaet. Das Ergebnis dieses Prozesses war der schwierig durchzufuehrende Versuch, die juedischen Zukunft in der Diaspora zu retten.
Verschiedene Heilmittel wurden angepriesen - einschliesslich Israel. Es entstand die Meinung, ein Besuch in Israel, das „Israel - Erlebnis", sei ein gutes Mittel, die fast bedeutungslose juedische Identitaet der Diasporajugend zu staerken.
Ein neues Modell fuer die Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora war geschaffen: Israel als Kurort fuer Identitaetsprobleme.
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Created: 16/11/00 Updated: 11/12/00