Israel-Diaspora
Das Jahrhundert des Zionismus - praesentiert von: Pedagogic Center der Jewish Agency

Die Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora


Die Periode nach dem Zweiten Tempel

Die Rueckkehr ins Exil

Die Zerstoerung des Zweiten Tempels war einer der groessten Wendepunkte der juedischen Geschichte. Vom traditionellen Aspekt war dies der Beginn des zweitausendjaehrigen Galut, der erst mit der Gruendung des Staates Israel sein Ende fand. Im Zusammenhang damit entstand aber auch eines der groessten Missverstaendnisse der juedischen Geschichte.

Detail aus dem Titusbogen: Juedische Gefangene und die Kultgegenstaende des Tempels werden nach Rom geschleppt.

Es entspricht keineswegs der Wahrheit, dass alle Juden nach der Zerstoerung des Tempels von den Roemern gezwungen wurden, Eretz Israel zu verlassen. Die wenigen, die tatsaechlich in die Verbannung geschickt wurden, waren die militanten Anfuehrer der Revolte, die nach Rom verschleppt wurden, um dort hingerichtet zu werden. Dem Rest gestattete man, zu bleiben. Ihre ohnehin bereits eingeschraenkte Kontrolle ueber das eigene Leben und das eigene Land wurde weiter limitiert.

Nach der Niederlage trafen viele Juden die Entscheidung, Eretz Israel zu verlassen, was jedoch nur eine radikale Eskalation schon bestehender Tendenzen darstellte. Juedisches Leben wuerde auch in den folgenden Jahrhunderten in Eretz Israel weiterbestehen, obwohl die Zeichen an der Wand deutlich waren: die zumindest nahe Zukunft des juedischen Volkes wuerde nicht im Land Israel liegen. Vorerst wuerden sich die Zentren juedischen Lebens - in qualitativer aber nicht in numerischer Hinsicht - in die Laender des Galut verlagern.

Die Diaspora als Zentrum - ein neues Paradigma?

Das Schicksal der neuentstandenen juedischen Gemeinden sei hier im wesentlichen erzaehlt. Am Anfang waren diese Gemeinden schwach und verstanden sich nicht als Zentren juedischen Lebens in den fruehen Jahrhunderten. Die Ausnahme war Babylonien, das erste grosse Zentrum, das noch vor dem Ende der talmudischen Aera in Erscheinung trat.

Die Beziehungen zwischen dem aufstrebenden Babylonien und Eretz Israel waren vielfaeltig und schwierig. Ohne Zweifel bestand zwischen ihnen eine Konkurrenz. Einige babylonische Gelehrte kamen nach Eretz Israel und akzeptierten die dortigen Autoritaeten aufgrund der Heiligkeit und zentralen Bedeutung des Landes. Vielen genuegte diese theoretische Heiligkeit nicht, und sie verstanden diese Situation als realen Kampf zwischen zwei eigenstaendigen und dynamischen Zentren. Und dies entsprach -in einem gewissen Sinn - auch der Realitaet.

Den Rabbinen Eretz Israels und Babyloniens, das kuenftig die zerstreute juedische Nation repraesentieren sollte, war klar, dass etwas unternommen werden musste, um das Judentum in den Laendern des Galut zu erhalten. Das Land, Jerusalem und sein Tempel hatten das juedische Volk zusammengehalten. Welchen Ersatz wuerde es fuer diese physischen und spirituellen Zentren geben?

Rettung der Nation - Neue Spielregeln

Juedischer Grabstein aus dem 2.-3. Jh. Die Inschriften und die gemeinsame Darstellung einer Familie zeugen von der Kontinuitaet juedischer Traditionen von einer Generation zur naechsten.

Ein grossartiger Rettungsplan fuer das juedische Volk, eine Ueberlebenshilfe fuer den Zustand des Galut, entstand, um eine Nation zu bewahren, bis Gott entscheiden wuerde, das Exil aufzuheben und sein Volk nach Hause zu holen. Ein neuer Lebensstil wurde gepraegt, beruhend auf dem System der Halacha, dem juedischen Religionsgesetz, und dazu gedacht, die Juden in einen Rahmen klarer Verhaltensmassregeln zu stellen, der sie - wie eine unsichtbare Mauer - von ihrer Umgebung trennen sollte.

Ein Jude musste sich jederzeit bewusst sein, dass er sich von seinem nichtjuedischen Nachbar unterschied, dass sein Konzept von Gott und Gottes Welt anders war als das seiner Mitmenschen, und dass das Land, in dem er lebte, nicht seine Heimat war. Er hatte eine andere Heimat, die er niemals vergessen durfte, und er musste sich immer an die Realitaet des Galut erinnern.

Die rabbinischen Gelehrten, die Architekten juedischer nationaler Existenz, bauten diese Idee so in das juedische Leben ein, dass sie von allen Juden auf der Welt immer im Gedaechtnis behalten werden konnte.

Jedem Feiertag wurden rituelle Elemente hinzugefuegt, um die Juden an das Land und den verlorenen Tempel, der eines Tages wieder „ihr" Tempel sein wuerde, zu erinnern. Rituale, die einst angesichts des Tempels praktiziert wurden, baute man in das haeusliche und synagogale Leben ein:

Alle diese Handlungen verbanden die Juden mit Eretz Israel; lebten sie auch in alle Himmelsrichtungen verstreut, religioes befanden sie sich in Eretz Israel. Die rituellen Details ihres Kalenders kamen aus dem Land, das sie ihre Heimat nannten.

Das System funktionierte. Zweitausend Jahre lang lebten die Juden an allen Enden der Welt, in vielen Laendern, und fuehlten sich dort nicht zu Hause. Gibt es etwas Vergleichbares in der Geschichte der Menschheit? Ein Volk, das zwanzig oder dreissig Generationen lang in Polen oder im Jemen lebte, und sich national niemals als polnisch oder jemenitisch identifizierte? Dies war die Errungenschaft des Rituals.

Zumindest in der Theorie stellte dies die neue und vollstaendigere Version der alten, aus Babylonien stammenden Anleitung fuer das Leben im Exil dar. Die Juden lebten im Galut, trauerten um ihr Land und hielten die Erinnerung staendig aufrecht. Sie beteten fuer den Anbruch des messianischen Zeitalters, einer Aera, die ihnen ihr Land zurueckgeben wuerde. Darauf warteten alle Juden: die messianische Rueckkehr nach Eretz Israel.

Eretz Israel - Realitaet oder Ideal?

Fuer viele Juden dieser Zeit wurde Eretz Israel ein abstraktes Gebilde, eine mystische, nicht zur realen Welt gehoerende Realitaet. Zu Pessach konnten sie „Naechstes Jahr in Jerusalem" sagen, ohne wirklich zu planen, dorthin aufzubrechen. Die Geschichten und Konzepte ueber das Heimatland wurden mit dem taeglichen Leben im Galut verbunden. Fuer eine lange Zeit war dies die wirkliche Basis fuer die Beziehungen zwischen Eretz Israel und der Diaspora.

Es gab auch andere, konkretere, Ausdrucksformen dieser Beziehung:

Die fruehe Moderne - die Leugnung des Exils

Moses Mendelssohn

Im spaeten 18. Jahrhundert vollzog sich unter den Juden West- und Mitteleuropas eine Wende. Durch den Einfluss der neuen politischen und sozialen Ideen der Aufklaerung, begannen die Staaten langsam und zoegernd, den Juden Zivilrechte zu gewaehren. Viele dieser Juden, darunter auch Angehoerige der Orthodoxie, begannen, die Laender in denen sie lebten, als ihr Heimatland zu betrachten: Deutschland, Frankreich, England, Holland, Oesterreich, Amerika.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die Juden im religioesen und buergerlichen Bereich anpassten. In Westeuropa entstanden Reformgemeinden, die versuchten, ihre Gottesdienste zu modernisieren. In Bezug auf Eretz Israel konzentrierte man sich eher auf die alte, historische Heimstaette als auf die ewige. Die messianischen Ideen wurden so interpretiert, dass sie sich auf das neue Zeitalter der Humanitaet bezogen, das die Juden in ihren gegenwaertigen Heimatlaendern zelebrieren konnten. Die Orthodoxie hielt die traditionellen Rituale und die Messiashoffnung aufrecht, machte aber eine Bewusstseinsaenderung durch, die sie ebenfalls stark mit dem Land, in dem sie lebten, verband.

Die alte Synagoge in Berlin

Unter diesen emanzipierten Juden des 19. Jahrhunderts gab es viele, die eine Reihe von Initiativen zur Verbesserung des Schicksals ihrer „Glaubensbrueder" in anderen Teilen der Welt, einschliesslich Eretz Israel, ins Leben riefen. Geld wurde gespendet, Hilfsorganisationen fuer die armen juedischen Bewohner des Landes Israel gegruendet, Schulen, Wohnprojekte, Spitaeler, landwirtschaftliche Ausbildungsbetriebe, Wohltaetigkeitsvereine wurden von diesen westeuropaeischen Juden initiiert, die immer groessere Probleme hatten, Eretz Israel als ihr Land zu definieren.

In anderen Laendern, in denen die Ideen der Aufklaerung nicht durchgedrungen waren, blieb die Situation statisch. In Osteuropa oder in Nordafrika betrachteten die Juden sich weiterhin als im Exil und beteten fieberhaft, um die Ankunft des Messias zu beschleunigen.

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Created: 16/11/00 Updated: 11/12/00

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