Israel-Diaspora
Die Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora
Die biblische Zeit
Diaspora und Exil
Ueber die Diaspora waehrend der biblischen Zeit ist nur wenig bekannt. Spaetere Generationen rabbinischer Denker sahen die Zeit in Aegypten als Galut, was jedoch ein eindeutiger Anachronismus ist.
Die Zerstoerung des Noerdlichen Koenigreiches Israel durch Assyrien im Jahr 722 v.d.Z. fuehrte zur Vertreibung der israelitischen Gemeinschaft und zu ihrer Zerstreuung in die zum assyrischen Reich gehoerenden Laender. Die Spur dieser Israeliten ist verweht. Es ist anzunehmen, dass sie sich nach einer Phase des Kummers und der Sehnsucht nach der Heimat mit ihrem Schicksal abfanden und sich assimilierten, wobei sie ihre charakteristische nationale Identitaet verloren.
Gegen Ende der Periode des Ersten Tempels befanden sich Juden in Aegypten (siehe die Kapitel 43 und 44 des Jeremia - Buches). Der Text erwaehnt Juden, die nach der Zerstoerung Juda verliessen, um sich in Aegypten anzusiedeln. Es entsteht jedoch der Eindruck, dass Juden, die sich vielleicht schon eine gewisse Zeit vorher dort etabliert hatten, ueber ganz Aegypten verstreut lebten. Ausserdem scheint die Zerstoerung Judas auf sie keinen so starken Eindruck gemacht zu haben wie auf Jeremia, der von Trauer ueberwaeltigt ist.
Das babylonische Exil: Ein Paradigma entsteht
Die wichtigste Gemeinde, die ausserhalb Palaestinas entstehen sollte, befand sich seit der unmittelbaren Zeit vor der Zerstoerung des Ersten Tempels im Jahr 586 v.d.Z. zweifellos in Babylonien.
Ungefaehr zehn Jahre vor der Zerstoerung wurden bereits einige tausend Judaeer nach Babylonien ins Exil geschickt. Jeremia teilte ihnen in einem Brief mit, wie sie ihr Leben in Babylonien gestalten sollten (Kapitel 29). Dieser Brief ist das erste "Rezeptbuch" fuer das Leben in der Diaspora. Jeremia beschwoert die Exilierten, ihr Leben in Babylonien zu akzeptieren, Haushalte aufzubauen, Familien zu gruenden und in Frieden zu leben. Wenn sie Gott treu bleiben und sich nach Seinem Willen verhalten, so wird Er ihre Familien, wenn die Zeit gekommen ist, nach Jerusalem zurueckfuehren. Dies bedeutet, dass sie ihre Herkunft nicht vergessen und sich erinnern sollen, dass Juda ihre wahre Heimstaette ist. Gott wird einst fuer ihre Rueckkehr Sorge tragen.
Als der Rest der Verbannten im Exil eintrifft und sich ihnen anschliesst, scheinen sie die Ratschlaege des Briefes zu verinnerlichen. Das allgemeine Bild der Juden im Exil ist das eines Volkes, das dem Glauben an seinen Gott treu bleibt. Alle Hinweise deuten darauf hin, dass sie sich nach der Rueckkehr in ihr Heimatland sehnten:
„An den Wassern Babels sassen wir und weinten, wenn wir Zions gedachten",heisst es im 137. Psalm.
Ezechiel, der grosse Prophet des babylonischen Exils, entwickelte diesselbe Idee: das Versprechen von Freiheit und Rueckkehr nach Zion, solange die Juden ihren Glauben nicht verlieren (siehe: Ezechiel 37,1-15: Israel, das Totenfeld, wird durch Gottes Odem wieder lebendig. Oder die grosse futuristische Version vom Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem, Kapitel 40-48).
Durch die babylonische Erfahrung entsteht das Paradigma fuer die Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora in Zeiten des erzwungenen Galut:
- Die Juden werden von Gott bestraft.
- Sie muessen sich gemaess dem Willen Gottes verhalten, um die Umkehrung der Bestafung zu erreichen.
- Zur Belohnung wird Gott sie schliesslich zurueckfuehren.
Die wirkliche Identitaet des Landes der Juden steht nicht in Frage. Jeremias Ratschlaege sind eine Anleitung fuer ein nur zeitweiliges Leben in der Diaspora. Sie muessen sich gegenueber dem Land, in dem sie Leben, loyal verhalten - bis Gott sie zurueckfuehrt.
Soviel zur Theorie. Die Praxis gestaltete sich ein wenig anders. Dies wird deutlich, als Juden nach der Eroberung Babyloniens durch die Perser die Moeglichkeit erhielten, zurueckzukehren, um ihr Land und ihren Tempel unter dem neuen Herrscher Kyros wieder zu errichten. Nur eine Minderheit nahm diese Gelegenheit wahr. Dies ist die erste und keineswegs letzte Kluft zwischen den theoretischen Erklaerungen und den praktischen Handlungen.
Die Zeit des Zweiten Tempels: Die Entstehung einer starken Diaspora
Erst waehrend der Zeit des Zweiten Tempels entwickelte sich eine eigenstaendige und starke juedische Diaspora.
- Die Nachkommen jener Juden, die Babylonien nicht verlassen hatten, bildeten die Basis fuer eine grosse Gemeinde in den Laendern des Ostens.
- Seit dem spaeten vierten Jahrhundert v.d.Z. zeichneten sich die Anfaenge einer starken zukuenftigen Diaspora ab, die sich in den Laendern, die seit Alexander dem Grossen unter griechischer Herrschaft standen, entwickelte. Eines der Zentren dieser Diaspora war Aegypten, das mit seiner Hauptstadt Alexandria in der Zeit vor der Zerstoerung des Zweiten Tempels Juden magnetisch anzog. Zeitgenoessische Schaetzungen nehmen eine Million Juden im fruehen ersten Jahrhundert n.d.Z. in Aegypten an.
- Nach der Eroberung der griechischen Laender durch die Roemer , konnten Juden in erheblicher Anzahl im gesamten Roemischen Reich angetroffen werden. Man schaetzt die Zahl der juedischen Einwohner Roms in den Jahren vor der Zerstoerung des Tempels bereits auf 50.000.
Wodurch entstand die Diaspora - Gewalt oder Wunsch?
Wie praezise die Zahlenangaben auch sein moegen, es ist eindeutig (obwohl dies oft missverstanden wird), dass bereits vor der Zerstoerung des Zweiten Tempels mehr Juden in der Diaspora lebten als in Eretz Israel.
Juden gelangten auf verschiedenen Wegen in diese Laender: als Geiseln, als Sklaven - die Mehrheit allerdings ging freiwillig, hauptsaechlich aus wirtschaftlichen Gruenden, da ihnen die Moeglichkeiten des „Lebens dort draussen" attraktiv erschienen.
Im Gegensatz zur allgemeinen Annahme, wurden nach dem babylonischen Exil nur sehr wenige Juden in die Verbannung gezwungen. Das bedeutet, dass sich Juden im Grossen und Ganzen eher fuer ein Leben in der Diaspora entschieden als fuer Eretz Israel.
Juedische Loyalitaet in der Diaspora zur Zeit des Zweiten Tempels
Dennoch steht ausser Frage, dass die meisten Juden ihrer Tradition die Treue hielten. Die Roemer beispielsweise behandelten die Juden ihres Reiches mit aeusserster Vorsicht, da sie spuerten, dass die Juden hinsichtlich ihrer Tradition sehr feinfuehlig reagierten, und dass durch falsche Entscheidungen der Herrscher leicht offene Rebellionen entstehen konnten. Im allgemeinen versuchten die Roemer mit den juedischen Belangen in den Laendern der Diaspora sehr sensibel umzugehen - zumindest bis zum grossen juedischen Aufstand, der nicht nur den Tempel zerstoerte, sondern auch die Vertrauensbasis zwischen der roemischen Obrigkeit und den juedischen Untertanen.
Es gibt viele Geschichten, die von der Loyalitaet der Diasporajuden handeln. Zum Beispiel die beiden juedischen Generaele der Koenigin von Aegypten, die sich weigerten, ihre Armeen gegen die aufstaendischen Makkabaeer in Eretz Israel zu fuehren, da sie nicht gegen ihre Glaubensbrueder kaempfen wollten. Aussderdem warnten sie, dass sich die aegyptischen Juden gegen die Koenigin erheben koennten, falls dieser Angriff angeordnet wuerde.
Die Verwerfung der Ratschlaege des Propheten Jeremia
Es gab durchaus Diasporajuden, die sich an andere Spielregeln hielten als sie von Jeremia den babylonischen Exilanten empfohlen worden waren. Diese Juden waren auch loyal, aber da seit Jeremia Jahrhunderte vergangen waren, fanden neue Gesichtpunkte Eingang in ihre Ueberlegungen. Der Wunsch nach Bequemlichkeit und Komfort spielte im menschlichen Leben immer eine grosse Rolle, und so wurden die nationalen Interessen hintangestellt. Diese Juden zogen es vor, in der Diaspora zu bleiben, obwohl ihnen und ihren Familien der Weg nach Eretz Israel offenstand.
Leben in Zweideutigkeit
Wenn die Juden ihrer Tradition treu blieben, und Eretz Israel in dieser Tradition eine so wichtige Position einnimmt, wie konnten sie in dieser Periode mit dieser Ambiguitaet leben?
Es ist nicht einfach, diese Frage zu beantworten
- Es gab Juden, die ihr bequemes Leben in der Diaspora so lange nicht aufgaben, bis sie merkten, dass sie in Eretz Israel wirklich gebraucht wurden. An diesem Punkt faellten sie Entscheidungen, die ihr Leben von Grund auf aendern sollten und gingen nach Eretz Israel. Die Geschichte von Nehemia, die im gleichnamigen biblischen Buch erzaehlt wird, ist ein klassisches Beispiel fuer die Anfaenge dieser Periode.
- Viele Juden gingen zum Studium in das Land Israel, und manche blieben fuer immer. Der grosse Gelehrte Hillel, der aus Babylonien stammte, ist ein solches Beispiel.
- Auch die Wallfahrtsfeste (Pessach, Schavuot und Sukkot) boten Gelegenheit, Eretz Israel zu besuchen.
Die Tradition verlangt zwar, dass jeder Jude zu den Wallfahrtsfesten eine Reise nach Jerusalem unternehmen soll. Waehrend dies fuer alle, die in der Umgebung von Jerusalem oder auch in Galilaea lebten, leicht zu bewerkstelligen war, taten sich diejenigen, die in Nordafrika, Spanien oder Persien zu Hause waren, schwerer. Fuer die meisten Juden wird eine solche Pilgerfahrt wohl nur eine einmalige Reise in ihrem Leben gewesen sein, und in der uebrigen Zeit ein frommer Gedanke oder Wunsch.
Der Grossteil der Diasporajuden bestaetigte die Bindung an Eretz Israel, Jerusalem und den Tempel durch einen finanziellen Beitrag, dem halben Schekel, der von von jedem Juden ueberall in der Diaspora zu entrichten war. Diese Steuer war von den Makkabaeerkoenigen eingefuehrt worden. Obwohl Juden nicht gezwungen werden konnten, den halben Schekel zu bezahlen, gibt es doch eindeutige Hinweise, dass es den Betroffenen selbst sehr wichtig war, durch diese Summe zum Unterhalt des Tempels beizutragen, und auf diese Weise ihre Verbindung mit dem antiken Land zu staerken.
Aufzeichnungen wohlhabender Juden aus Alexandria beweisen die grossen finanziellen Spenden fuer den Tempeldekor.
Spenden, Pilgerfahrten und Studienaufenthalte in den Akademien von Eretz Israel gehoerten in dieser Periode zu den wesentlichen Ausdrucksformen dieser praktisch orientierten Verbindung.
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Created: 16/11/00 Updated: 11/12/00