Die Balfour Deklaration
100 Jahre Zionismus - praesentiert von: Pedagogic Center der Jewish Agency

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Studien zur Geschichte des Zionismus

Die Balfour Deklaration Ein Markstein in der Geschichte der Zionistischen Bewegung

Hintergrundtext

von Nili Kadary

Lernziele:

  1. Untersuchung und Bewertung der Ereignisse, die zur Balfour Deklaration fuehrten.
  2. Verstaendnis fuer Chaim Weizmanns Bedeutung als Fuehrer der Zionistischen Bewegung.
  3. Bewertung der Wichtigkeit der Balfour Deklaration und ihrer Miteinbeziehung in das Mandatsdokument.

Einfuehrung: Praesentation des Themas

Zur Zeit von Theodor Herzls Tod waren die Hauptinstrumente der Zionistischen Bewegung bereits in Gang gebracht:

  • Die Anzahl der Juden, die nach Eretz Israel einwanderten, war klein, obwohl sie von eintausend in den Jahren 1882-1904 auf dreitausend im Jahrzehnt (1904-1914) anwuchs. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges, betrug die Bevoelkerungszahl des Jischuw 85.000; was immer noch fehlte, war die Anerkennung durch eine internationale Macht, mit dem Potential, den zionistischen Traum in politische Realitaet zu ueberfuehren.
  • Der Erste Weltkrieg, in dem sich die Tuerkei mit dem Deutschen Reich, Oesterreich-Ungarn und Bulgarien gegen Grossbritannien, Frankreich, Russland, Italien und schliesslich die USA verbuendete, brachte fuer diese Entwicklung die Gelegenheit. Am 2. November 1917 veroeffentlichte die Regierung seiner Majestaet von Grossbritannien eine Erklaerung, in der die Recht des juedischen Volkes auf eine nationale Heimstaette in ihrem Heimatland anerkannt wird. Diese Erklaerung ist als Balfour Deklaration in die Geschichte eingegangen, und mit ihr die Schritte, Faktoren und Menschen, die sich bemuehten, die Basis fuer die gegenwaertige Einheit moeglich zu machen.
  • Hinweis fuer den Lehrer:

    Das englischsprachige Dokument benutzt den Begriff "Palaestina" waehrend die hebraeischen Dokumente und Debatten "Eretz Israel" benutzen. Im Zusammenhang mit dem Prozess zur Etablierung des britischen Mandates sind diese Begriffe identisch und beziehen sich auf das Territorium westlich und oestlich des Jordans und haben keinerlei politische Bedeutung.

    1. Der Diplomatische Hintergrund der Balfour Deklaration

    A. Die britische Aussenpolitik im Nahen Osten im fruehen 20. Jahrhundert

    Die europaeschen Maechte Russland, Frankreich, Deutschland und Grossbritannien beobachteten den Zerfall des Ottomanischen Reiches waehrend des 19. und im fruehen 20. Jahrhundert. Jede Macht hatte ihre eigenen, wohldefinierten Interessen im Nahen Osten, der einen Teil ihres Reiches ausmachte. Die Interessen Grossbritanniens waren aus folgenden Gruenden die staerksten:

    1. a. Grossbritannien wollte die Passage nach Indien kontrollieren.
    2. b. Es wollte das aegyptische Hinterland verteidigen, das seit 1882 zu Grossbritannien gehoerte. Der Suezkanal war eine der wichtigsten Handelsstrassen und die britischen Interessen an Eretz Israel waren Teil dieser Schutzmassnahmen.

    B. Die MacMahon-Hussein Korrespondenz

    1915 schlug der tuerkische Angriff von der Wueste Sinai auf den Suezkanal fehl. Die Briten sorgten sich trotzdem um die Sicherheit des Kanals und weiteten ihre antituerkischen Aktivitaeten aus. Sie versuchten, Hussein, die fuehrende Persoenlichkeit der arabischen Halbinsel, dazu zu verleiten, in einer Rebellion gegen die Tuerken teilzunehmen. Hussein forderte ein Gegengeschaeft. Sir Henry MacMahon, der fruehere Militaergouverneur von Aegypten und jetzige Hochkommissar, schrieb im Oktober 1915 einen Brief an Hussein - bekannt als MacMahon - Hussein Korrespondenz. Der Brief hielt fest, dass Grossbritannien bereit sei, die arabische Unabhaengigkeit auf dem Gebiet zwischen Mittelmeer und Persischem Golf anzuerkennen, mit Ausnahme des Territoriums noerdlich von Damaskus und des Golfes selbst. Es gab keine Skizzierung von Grenzen oder Staaten, sondern der Brief war eher eine "allgemeine" Garantie.

    Die Araber behaupteten, der MacMahon Brief verspreche ihnen Eretz Israel als Teil des unabhaengigen arabischen Staates, waehrend Grossbritannien dies bestritt und festhielt, dieses Gebiet sei nicht in dem skizzierten Areal inkludiert.

    C. Das Sykes-Picot Abkommen 1916

    Auf dem Hoehepunkt des Ersten Weltkrieges, bevor das Schicksal des Nahen Ostens klar wurde, wurde im Mai 1916 zwischen Grossbritannien und Frankreich ein Abkommen unterzeichnet, das nach den Maennern, die es unterzeichneten, Sykes - Picot Abkommen genannt wird. In diesem Vertrag waren sich die beiden Maechte einig, den Nahen Osten in Einflussbereiche aufzuteilen.

    Die arabische Halbinsel war als unabhaengiger Staat geplant, Irak und Syrien sollten ebenfalls aufgeteilt werden. Ein Teil von Eretz Israel sollte unter franzoesischen Einfluss kommen, ein Teil unter britischen und ein Teil unter internationale Kontrolle. Das Gebiet zwischen Gaza und Aquaba mit Transjordanien bis zum Persischen Golf sollte unter britische Herrschaft kommen. Dies garantierte Grossbritannien zwar die Kontrolle vom Mittelmeer zum Golf, es war jedoch nicht zufrieden mit dem Sykes - Picot Abkommen und suchte eine Alternative.

    2. Die Fuehrung der Zionistischen Bewegung und Dr. Chaim Weizmann

    Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges war die Zionistische Weltorganisation in ernsten Schwierigkeiten. Der Sitz der Bewegung war Berlin, und die mitteleuropaeischen Staaten waren mit den Alliierten - Grossbritannien, Frankreich und Russland - im Kriegszustand. Diese Staaten beherbergten eine grosse juedische Bevoelkerung, mit zehntausenden juedischen Soldaten, die auf beiden Seiten kaempften.

    Die Fuehrer der Zionistischen Organisation nahmen daher eine neutrale Position ein und nahmen davon Abstand, eine Partei gegen die andere zu unterstuetzen, um die Situation der Juden auf der anderen Seite nicht zu beeintraechtigen.

    In der Bewegung gab es die Ansicht, die zionistische Sache habe nichts unter tuerkischer Regierung zu suchen. Daher sei die Option der britischen Herrschaft ueber Eretz Israel vorzuziehen. Die Gruppe wurde von Nachum Sokolow und Chaim Weizmann angefuehrt, der sich drei Jahre lang bemueht hatte, die diplomatische Anerkennung durch die britische Regierung zu erhalten.

    Chaim Weizmann (1874-1952) wurde in der kleinen Stadt Motol, nahe Pinsk, am Rand des juedischen Ansiedlungsrayons, geboren. Sein Vater, ein erfolgreicher Holzkaufmann, schickte ihn zum Chemiestudium nach Deutschland und in die Schweiz. Im Alter von 25 Jahren erhielt Weizmann sein Doktorat und ab 1904 hielt er Vorlesungen an der Universitaet von Manchester.

    Bereits ab dem Zweiten Zionistischen Kongress stand Weizmann an vorderster Front der Zionistischen Bewegung. Er war einer der Gegner des Ugandaplanes. Am Achten Kongress, 1907, war Weizmann eine der Hauptfiguren, sein Standpunkt des "Synthetischen Zionismus" wurde angenommen, die Kombination von praktischer Aufbauarbeit in Eretz Israel und fortgesetzter diplomatischer Bemuehungen, wie sie von Herzl begonnen worden waren. Der Elfte Kongress, 1913, ein Jahr vor Kriegsausbruch, uebernahm Weizmanns und Ussishkins Vorschlag, in Jerusalem eine Hebraeische Universitaet zu gruenden, als Gipfel der zionistischen kulturellen Aktivitaeten.

    Einige von Weizmanns groessten Augenblicken kamen im Ersten Weltkrieg. Als Chemiker half er den Briten bei ihren Kriegsbemuehungen, und als gluehender Zionist, der seit Kriegsausbruch an einen britischen Sieg glaubte, war er an der diplomatischen Front beschaeftigt, um die Sache des juedischen Staates den britischen Herzen naeher zu bringen. Es gelang ihm, Charles Scott auf seine Seite zu bringen, den einflussreichen Chefredakteur der Manchester Guardian. Scott stellte ihn Sir Herbert Samuel vor, der erste Jude in einem Ministeramt und spaeter der erste britische Hochkommissar in Palaestina. Er machte ihn auch mit David Lloyd George bekannt, der 1915 Kriegsminister wurde und spaeter Premierminister.

    Weizmanns Naehe zur Elite des britischen Kabinetts intensivierte sich, als er eine neue Methode zur Herstellung von Aceton entwickelte, ein wichtiger chemischer Bestandteil in Sprengstoffen. Als Lord Balfour in der Regierung Lloyd George Staatssekretaer im Aussenamt wurde, war der Boden fuer die verzweifelt benoetigte diplomatische Anerkennung der Zionistischen Bewegung bereitet.

    Hinweis:

    Weizmann hatte Lord Arthur James Balfour erstmals 1905 getroffen, nachdem er seine Position als Premierminister verloren hatte. In seiner Autobiographie beschreibt Weizmann dieses Treffen sehr lebendig, als er, der Zionist, dem britischen Staatsmann erklaerte, warum es unmoeglich gewesen war, den Ugandaplan anzunehmen, der waehrend der Amtszeit Balfours vorgeschlagen worden war:

    „Dann sagte ich ploetzlich: Mr. Balfour, angenommen, ich wuerde ihnen Paris statt London anbieten, wuerden Sie es nehmen? Er setzte sich gerade und antwortet: Aber, Dr. Weizmann, wir haben London. Stimmt, sagte ich, aber wir hatten Jerusalem, da war London noch ein Sumpf´."

    3. Die Balfour Deklaration: Inhalt, Faktoren, die zu ihrer Veroeffentlichung fuehrtern

    Es gab einige Faktoren, die schwer gegen eine Veroeffentlichung wogen:

    1. a. Fuer viele britische Politiker war die Idee eines juedischen Staates geradezu absurd, das Produkt einer ausschweifenden oestlichen Phantasie, voellig wertlos fuer Grossbritannien.
    2. b. Das britische Aussenamt war der Ansicht, das "Hofieren" der Juden wuerde die Beziehungen mit den Arabern brechen.
    3. c. Der Aufstieg der arabischen Nationalbewegung im Nahen Osten.
    4. d. In Grossbritannien gab es juedische antizionistische Gruppen, die die Veroeffentlichung der Balfour Deklaration ablehnten, aus Angst, dies wuerde dem Status der Juden als britische Staatsbuerger schaden.
    5. e. Viele Briten interessierten sich nur am Rande fuer Eretz Israel, gemessen an den Problemen, die der Erste Weltkrieg mit sich brachte.

    Trotz all dieser Schwierigkeiten, nach einer erschoepfenden und anstrengenden Debatte, nach verschiedenen Entwuerfen, die zwischen den Seiten hin- und herpendelten, wurde am 2. November 1917 die Erklaerung in From eines Briefes veroeffentlicht, adressiert an Lord Rothschild, dem Vizepraesident der englischen Zionistischen Foederation, und unterschrieben von Lord Balfour.

    Der Text lautet folgendermassen:

    Aussenamt
    2. November 1917

    Lieber Lord Rothschild!
    Ich habe die Freude, Ihnen im Namen der Regierung seiner Majestaet, die folgende, dem Kabinett eingereichte und von ihm gebilligte, Deklaration zu uebermitteln, die die Sympathie fuer die juedischen zionistischen Bestrebungen ausdrueckt.

    "Die Regierung seiner Majestaet betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstaette fuer das juedische Volk in Palaestina. Sie wird das Erreichen dieses Zieles mit besten Kraeften unterstuetzen und erleichtern. Es moege klar verstanden werden, dass nichts unternommen werden soll, das die buergerlichen und religioesen Rechte der nichtjuedischen Gemeinden in Palaestina beeintraechtigt, oder die Rechte und den politischen Status, den die Juden in irgendeinem anderen Land geniessen.

    Ich waere Ihnen dankbar, wenn sie diese Erklaerung der Zionistischen Foederation zur Kenntnis bringen.

    Ihr ergebener

    Arthur James Balfour

    Folgende Faktoren fuehrten schliesslich zur Veroeffentlichung:

    4. Die Bedeutung der Balfour Deklaration

    Die ersten Reaktionen der juedischen Welt und der Zionistischen Organisation waren voller Bewunderung fuer die Briten. Viele verglichen die Balfour Deklaration mit der "Koresch Deklaration", der Erklaerung des persischen Monarchen Koresch aus dem sechsten Jahrhundert v.d.Z., der den Juden erlaubte, aus dem babylonischen Exil nach Eretz Israel zurueckzukehren, die Siedlungen zu erneuern und den Tempel wiederaufzubauen.

    Ungeachtet der Tatsache, dass die Lektuere der Balfour Deklaration eine Reihe von Fragen aufwirft, und ihre Absichten der Klarheit entbehren, ist sie doch ein Markstein in der Geschichte des Zionismus.

    Die Substanz der Balfour Deklaration war, dass Juden wie Nichtjuden ihren Inhalt als Versprechen der Errichtung eines juedischen Staates verstanden. Dies erwies sich als international bedeutend und grundlegend, als der Text der Deklaration spaeter in das Mandatsdokument inkludiert wurde.

    Die Grenzen der nationalen Heimstaete oder des juedischen Staates waren nicht festgelegt und blieben ein Diskussionsthema. Balfour selbst bestaerkte nur zwei Wochen nach der Veroeffentlichung der Deklaration, Eretz Israel solle eine "juedische Heimstaette" sein. Dies ist eine seiner beruehmten Aeusserungen:

    "Und der Zionismus, moege er richtig oder falsch, gut oder schlecht sein, hat seine Wurzeln in den Traditionen der Vergangenheit, den Noeten der Gegenwart und den Hoffnungen der Zukunft, die von tieferer Bedeutung sind als die Wuensche und Vorurteile der 700.000 Araber, die jetzt dieses alte Land bewohnen. Ich glaube, das ist richtig. Was ich niemals verstanden habe ist, wie es in Einklang gebracht werden kann…"

    5. Befreiung von der tuerkischen Herrschaft - Die britische Eroberung Eretz Israels

    Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges zaehlte die juedische Bevoelkerung des Jischuw 85.000 Menschen, bei seinem Ende waren nur mehr 56.000 uebrig. Der Krieg hatte die juedische Gemeinde in Eretz Israel von den wichtigsten Laendern, aus denen die Einwanderer und die finanzielle Unterstuetzung gekommen waren, abgeschnitten. Der Jischuw stand nicht laenger unter dem Schutz der europaeischen Gesetze und wurde Spielball der tuerkischen Willkuer. Bewohner des Jischuw wurden gezwungen, ottomanische Erlaesse zu akzeptieren oder das Land zu verlassen - dazu gehoerte auch Einberufung in die tuerkische Armee.

    Die gesamte Periode war der Jischuw grausamen Dekreten und Verfolgung ausgesetzt:

    Im Oktober 1917 begann die britische Armee mit der Eroberung Eretz Israels. Ende September 1918 hatten sie das ganze Land von den Tuerken befreit, und 400 Jahre tuerkischer Herrschaft ueber dieses Land gingen zu Ende - eine Herrschaft, die durch Vernachlaessigung, Armut und Verfolgung gekennzeichnet war.

    Eretz Israel kam unter britische Militaerverwaltung. Das Jahr 1920 sah mit der Ankunft des ersten britischen Hochkommissars den Beginn einer zivilen Mandatsregierung. Eine neue Aera in der Geschichte des Zionismus daemmerte herauf.

    6. Schlussfolgerung

    Wir werden in der Folge untersuchen, wie das juedische Volk weltweit auf diese Herausforderung reagierte, die es durch dieses zweite wichtige Dokument erhielt.


    Editoren: Yossi Pnini; Gila Ansell Brauner (Internet version)
    Internet Version: Pedagogic Center


     

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